Wingsuit-Trainerin Lisa Buchner:
„Der perfekte Moment wird nicht kommen.“

Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, trotz Angst zu starten. Die Wingsuit-Trainerin Lisa Buchner weiß, wie man mit Unsicherheit, Risiken und Selbstzweifeln umgeht. Im Interview erzählt sie, warum der perfekte Moment nicht existiert und weshalb oft schon ein kleiner erster Schritt alles verändern kann.

Liebe Lisa, du bist Österreichs erste und einzige Wingsuit-Trainerin. Du arbeitest täglich in einem Umfeld, das von außen betrachtet sehr riskant wirkt. Was bedeutet Mut für dich persönlich?

Mut bedeutet für mich nicht, dass ich keine Angst habe. Mut ist vielmehr etwas, für das ich mich aktiv entscheiden kann. Wenn ich mich in einem Moment befinde, in dem ich Angst habe, dann habe ich die Wahl, wie ich damit umgehen möchte. Ich kann mich aktiv dazu entscheiden, aus einem Angstmoment einen Mutmoment zu machen.

Angst ist immer die Voraussetzung für Mut, denn ohne Angst braucht es auch keinen Mut. Mut ist für mich außerdem die Voraussetzung dafür, ein erfülltes Leben zu leben. Man braucht Mut, um für sich selbst einzustehen, Mut, um sich neuen Herausforderungen oder Träumen zu stellen, und auch Mut, um Nein sagen zu können.

Was unterscheidet aus deiner Sicht mutige Entscheidungen von leichtsinnigen Entscheidungen?

Wenn ich eine mutige Entscheidung treffe, dann kenne ich die Risiken, die mit dieser Entscheidung einhergehen. Wenn ich beispielsweise aus einem Flugzeug springe, dann kenne ich die Risiken und weiß, dass ich dafür Expertise oder eine passende Ausbildung brauche.

Ich weiß jedoch auch, dass ich mich nicht zu 100 Prozent auf alles vorbereiten kann und auch nicht alle Risiken kennen kann. Das ist allerdings bei allen Entscheidungen im Leben so. Wichtig ist, dass man dennoch Entscheidungen trifft. Besser eine falsche Entscheidung als gar keine.

Leichtsinnige Entscheidungen sind hingegen Entscheidungen, die ich gänzlich ohne Vorbereitung oder Abwägen von Risiken treffe. Hier geht man völlig blauäugig in eine Situation hinein. Klar, auch solche Entscheidungen können gut ausgehen, aber man darf nicht vergessen, dass diese Entscheidungen oft ein hohes Risiko mit sich bringen.

Ich denke, dass die Entscheidung, finanzielle Angelegenheiten nicht selbst in die Hand zu nehmen oder darauf zu vertrauen, dass „es dann schon passen wird“, ein sehr hohes Risiko birgt.

Mutige Entscheidungen sind für mich also jene, bei denen man sich Herausforderungen, Unsicherheiten oder unangenehmen Situationen stellt, Verantwortung übernimmt und damit das Steuer selbst in die Hand nimmt.

Viele Frauen zögern bei wichtigen Lebensentscheidungen, weil sie Angst haben, Fehler zu machen. Was würdest du einer Frau sagen, die auf den „perfekten Moment“ wartet?

Diesen perfekten Moment gibt es nicht und er wird auch nicht kommen, egal, wie lange man wartet oder ob man sich noch besser vorbereitet. Mut bedeutet, zu starten, obwohl man Angst hat und sich noch nicht zu 100 Prozent bereit fühlt.

Oft braucht es nur einen kleinen ersten mutigen Schritt, um etwas sehr Großes zu schaffen. Wenn beispielsweise mein langjähriger Traum ist, endlich den ungeliebten Job zu kündigen und eine Weltreise zu machen, dann kann der erste Schritt darin liegen, sich einen passenden Rucksack für die Reise zu kaufen.

Das mag wie eine Banalität wirken. Tatsächlich ist es aber ein wichtiger erster Schritt, der sich nicht überfordernd anfühlt, sondern eine Annäherung an die Verwirklichung des Traums bedeutet.

Genauso kann ein erster wichtiger Schritt bedeuten, dass ich meiner besten Freundin oder meinem besten Freund von meiner Idee erzähle. Auch das mag banal wirken, ist aber dennoch der Beginn, den eigenen Traum langsam Realität werden zu lassen.

Wichtig ist, dass man startet, egal, wie klein der erste Schritt ist.

Auch finanzielle Entscheidungen fühlen sich für viele Menschen wie ein Sprung ins Ungewisse an. Siehst du Parallelen zwischen dem Umgang mit Risiken im Wingsuit-Sport und im Umgang mit Geld?

Absolut! Die meisten von uns sind keine Finanzexpert:innen oder Wingsuit-Profis. Es braucht viel Zeit, um sich dorthin zu entwickeln.

Das Schöne ist, dass es Menschen gibt, die bereits über eine Expertise verfügen und an die wir uns wenden können. Egal, ob es um das Anlegen von Geld geht oder um den Sprung aus einem Flugzeug. Gemeinsam mit diesen Expert:innen können wir Schritt für Schritt an ein komplexes Thema herangeführt werden, bis wir uns selbst damit sicher fühlen.

Ich muss zugeben, das Thema finanzielle Vorsorge hat mich selbst einige Jahre beschäftigt, bevor ich es endlich in Angriff genommen habe. Für mich war es ein klassisches Thema, das ich vor mir her geschoben habe.

Es war eine Hürde für mich, denn ich wusste, hier geht es um meine finanzielle Zukunft und noch habe ich keine Expertise darin. Aufgrund der Relevanz wollte ich keinesfalls eine falsche Entscheidung treffen.

Mittlerweile habe ich für meine Pension vorgesorgt und verfüge über ein Wertpapierdepot. Als ich damit angefangen habe, waren meine Beiträge sehr gering. Mir war aber klar, dass ich irgendwo starten muss, egal, wie klein mein Beitrag ist.

Denn wenn ich einfach die Augen vor den Risiken verschließe und sie ignoriere oder von mir wegschiebe, laufe ich Gefahr, später im Leben mit den Folgen dieser Entscheidungen leben zu müssen. Das betrifft finanzielle Entscheidungen genauso wie Entscheidungen, die ich beim Wingsuit-Fliegen treffe.

Gibt es eine Situation in deinem Leben, in der du ein finanzielles Risiko eingegangen bist, um deinem Traum näherzukommen?

Ja, die gab es mehrfach. Ich liebe es, zu reisen, die Welt zu entdecken und Abenteuer zu erleben.

In meinem Leben habe ich bislang zwei große Reisen gemacht: ein Jahr Work & Travel in Australien nach der Matura und mit 29 Jahren sieben Monate in Lateinamerika. Beide Reisen habe ich allein gemacht, mit der Gewissheit, dass mir auf der Reise mein Geld ausgehen würde. Trotzdem bin ich los, weil es immer schon mein Traum war, eine Weltreise zu machen. Beide Male gab es Situationen, in denen mein Konto leer war, in denen ich mich mit schlecht bezahlten Jobs in Australien durchschlagen und mir Geld von meiner Familie leihen musste. Egal, wie schwierig die Situation war, ich habe immer einen Weg gefunden, sie zu lösen.

Auf meinen Reisen durfte ich außerdem durch viele Herausforderungen lernen, was Resilienz bedeutet. Für mich persönlich: die Konfrontation mit Momenten, die ein hohes Maß an Unsicherheit oder Angst mit sich bringen und uns gleichzeitig lehren, dass wir stark genug sind, immer Lösungen zu finden.

Ich kann also nur empfehlen: Wenn du einen Traum hast, dann verfolge ihn. Auch wenn du weißt, dass du noch nicht zu 100 Prozent bereit bist. Du wirst einen Weg finden.

Viele Frauen unterschätzen ihre Kompetenzen, auch wenn sie gut vorbereitet sind. Begegnet dir dieses Phänomen ebenfalls, und wie kann man lernen, sich selbst mehr zuzutrauen?

Ich erlebe ständig, wie Frauen sich davor scheuen, die nächsten Karriereschritte zu machen, Beziehungen zu verlassen oder sich komplett neu zu erfinden.

Das Muster wiederholt sich immer wieder in unterschiedlichen Bereichen: Eine Frau ist in einer Position nicht mehr glücklich und träumt davon, sie zu verändern. Ich finde es wahnsinnig schade, zu sehen, wenn Frauen ihr Potenzial und ihr Glück vernachlässigen, weil es ihnen an Mut fehlt.

Genau deshalb möchte ich meine Erfahrungen teilen und Menschen beibringen, wie man innerhalb von zwei Tagen lernen kann, mutig zu werden. Denn das Schöne ist: Mut lässt sich wie ein Muskel trainieren. 

Gab es Momente, in denen Angst dich fast davon abgehalten hätte, deinen Weg weiterzugehen? Wie bist du damit umgegangen?

Diese Momente gibt es immer wieder. Nur weil ich aus Flugzeugen springe, dabei Rekorde aufstelle oder allein um die Welt reise, bedeutet das nicht, dass ich keine Angst habe. Es bedeutet auch nicht, dass ich nicht zweifle oder unsicher bin. Der Unterschied ist, dass ich gelernt habe, Angst als Begleiter zu verstehen, der mich nicht daran hindern kann, meinen Weg zu gehen. In Momenten, in denen ich Angst oder Unsicherheit spüre, wechsle ich aber in eine Art Metaebene.

Ich kann den jeweiligen Moment dann rational betrachten: Was macht mir gerade Angst? Warum bin ich unsicher? Wie fühlt sich die Angst an? Was macht mein Körper, mein Herzschlag? Wie äußert sich die Angst oder Unsicherheit? Ich nehme die Angst beziehungsweise die Unsicherheit an. Ich versuche nicht, sie zu vermeiden oder auszuschalten.

Ich nehme sie an und mache dann den ersten Schritt auf meinem Weg. Und dann den nächsten und den nächsten. Mit jedem Schritt werde ich sicherer und weniger ängstlich, bis die Unsicherheit oder Angst fast gänzlich verschwunden ist.

Welchen Rat würdest du Frauen geben, die sich mehr Freiheit in ihrem Leben wünschen, aber den ersten Schritt noch nicht wagen?

Das mag jetzt vielleicht wie Werbung klingen, aber: Glaub an dich! Schau zurück und mach dir bewusst, was du alles schon geschafft hast. Oft übersehen wir, was wir bereits geleistet haben und wie stark wir eigentlich sind. Oder stell dir vor, du wärst eine andere Person, die dich kennenlernt und als ersten Eindruck vor allem deine Stärke, deine Kompetenz und deinen Mut sieht. Etwas, das dir in deiner Unsicherheit, deinem Selbstzweifel und deiner Angst gar nicht mehr bewusst ist.

Stell dir auch vor, was mehr Freiheit für dich bedeuten könnte. Was alles möglich ist, wenn du mit mehr Mut durchs Leben gehst. Im Gegensatz dazu, dass man sich in der Regel meist nur die Frage stellt, was alles schiefgehen könnte, steht auf meinem Handydisplay als tägliche Erinnerung die Frage: „What if it all works out?“ Wir sollten uns öfter daran erinnern, dass unsere Zukunftsvision in erster Linie positiv sein sollte.

Und dann mach deinen ersten kleinen mutigen Schritt. Ganz egal, wie klein er sein mag: Jeder Schritt ist ein Beginn von mehr Freiheit.

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