Unternehmertum mit Familie:
Zwischen Verantwortung und Freiheit
Zwei kleine Kinder, ein eigenes Unternehmen und jede Menge Verantwortung. Carina Rohrbach erzählt, warum sie sich bewusst für ein berufliches Risiko entschieden hat, wie sie mit Unsicherheiten umgeht und weshalb finanzielle Unabhängigkeit für sie vor allem eines bedeutet: etwas, das man gemeinsam aufbaut.
Frau Rohrbach, Sie stehen als Unternehmerin auf zwei beruflichen Standbeinen und sind gleichzeitig Mutter von zwei kleinen Kindern. Wie haben Sie diesen Weg eingeschlagen und was hat Sie motiviert, unternehmerische Selbstständigkeit zu übernehmen?
Ich war zuvor in einem Unternehmen, das ich sehr geschätzt habe. Großartige Menschen, spannende Kund:innen und vor allem Themen. Meine Arbeit hat mich menschlich und intellektuell sehr erfüllt und trotzdem hat mir dabei immer die Eigenständigkeit gefehlt, um selbst Dinge gestalten zu können. Deshalb habe ich mich aktiv für das finanzielle Risiko, die steigende Verantwortung und meine berufliche Unabhängigkeit entschieden.
Zu diesem Zeitpunkt war unser großer Sohn zweieinhalb Jahre alt, der kleine noch nicht einmal ein Jahr alt. Damals haben wir zufällig ein Lokal in der Nähe unseres Wohnorts entdeckt und mein Ehemann und ich waren sofort davon überzeugt, dass wir es übernehmen möchten und etwas Großes daraus machen.
Auf diese Entscheidung reagierten die Menschen in meinem Umfeld – viele haben geschmunzelt, einige haben uns erst nicht ernst genommen und unsere Eltern haben sich Sorgen gemacht, dass wir uns mit dem Projekt übernehmen.
Uns war jedoch von Anfang an bewusst, dass die Übernahme des Lokals zwar eine große Aufgabe war, allerdings gleichzeitig die perfekte Option für eine neue Herausforderung in unserem Leben. Heute können wir stolz sagen, dass wir eine große Vielfalt an Menschen haben, die gerne bei uns essen und auch arbeiten.
© Severin Koller
Viele Frauen erleben finanzielle Unabhängigkeit erst sehr spät oder gar nicht. Welche Bedeutung hat finanzielle Selbstbestimmung in Ihrem eigenen Leben, gerade im Kontext von Familie und Partnerschaft?
Ich bin in einem Elternhaus aufgewachsen, das sehr traditionell organisiert war. Mein Vater hat gearbeitet und das Geld für die Familie verdient, während meine Mutter sich um uns Kinder gekümmert hat. Sie hat erst später begonnen, bei ihm in der Ordination mitzuarbeiten.
Von außen betrachtet erkannte man in ihrer Beziehung eine klare finanzielle Abhängigkeit. Gleichzeitig habe ich sie ganz anders wahrgenommen. Für mich war es eine liebevolle Beziehung auf Augenhöhe. Meine Eltern haben mir gezeigt, dass Gleichwertigkeit nicht vom Geld abhängen muss.
Bei mir ist es heute also nicht die Angst vor Abhängigkeit oder das verstärkte Bedürfnis nach Absicherung, das mich meinen eigenen Weg gehen lässt – sondern weil ich schlichtweg gerne arbeite.
Ich verstehe mich auch nicht als vollständig „finanziell unabhängig“ von meinem Mann, denn wir sind durch den Hauskredit, den Unternehmenskredit und unsere beiden gemeinsamen Kinder finanziell sehr stark miteinander verbunden. Gemeinsam übernehmen wir Verantwortung und arbeiten daran, uns als Familie finanzielle Freiheit aufzubauen. Mir ist bewusst, dass dies ein Privileg ist. Das Geschäft funktioniert gut, auch unsere Kinder tragen dazu bei und ich bin in einer Partnerschaft, in der ich mich sicher fühle.
Was ich meinen Söhnen aber besonders mitgeben möchte, ist: Egal, wie du dein Leben und deine Partnerschaft später gestaltest, Geld sollte nie bestimmen, wie du deinem Gegenüber begegnest.
© Severin Koller
Unternehmertum bedeutet oft Risiko, Unsicherheit und mutige Entscheidungen. Gab es einen Moment, in dem Sie besonders an sich gezweifelt haben? Und was hat Ihnen geholfen, trotzdem weiterzugehen?
Es gab nicht nur einen Moment, es gab viele verschiedene. Vor allem am Anfang hat mich die enorme körperliche Anstrengung, ein Lokal zu übernehmen und umzubauen, sehr belastet. Ich habe in meinem Leben noch nie so viele Putzlappen gewaschen wie in dieser Zeit.
Hinzu kam, dass ich aus einem Umfeld komme, in dem man respektvoll miteinander umgeht, auch wenn es mal zu Meinungsverschiedenheiten kommt. Umso mehr hat es mich überrascht, wie manche Gäste mit uns umgegangen sind.
Es hat gedauert, bis ich dazu eine klare Haltung entwickelt habe. Zweifel im klassischen Sinn habe ich mir dabei nicht erlaubt. Dafür haben wir schon zu viel investiert, finanziell sowie emotional. Mir hat es geholfen, mit einem klaren Plan in die Zukunft zu blicken und hinzuschauen, zu reflektieren und zu spüren. Wo sind meine Grenzen? Wo stehe ich mir selbst im Weg?
Es gibt ein Sprichwort aus Oberösterreich, das die Herangehensweise von meinem Ehemann und mir ganz gut beschreibt: „Amoi da Gigl, amoi da Gogl.“ Das heißt so viel wie: Wenn einer von uns nicht mehr kann, übernimmt der andere. Aber auch unser Team im Lokal übernimmt unglaublich viel, was mir sehr viel bedeutet.
Ihr Mann arbeitet ebenfalls Vollzeit. Wie organisieren Sie als Familie Verantwortung, Care-Arbeit und Karriere? Gab es bewusste finanzielle oder strategische Entscheidungen, die Ihnen heute besonders wichtig erscheinen?
Wir führen unser Unternehmen gemeinsam, operativ und strategisch. Unsere Arbeitswoche hat sieben Tage und bis vor Kurzem endeten manche davon zwischen 23 und 3 Uhr. Da wir zwei Kinder haben, beginnt der Tag dafür auch schon wieder zwischen 5 und 7 Uhr. Diese Zeit war und ist sehr fordernd.
Erst seit einigen Monaten nehmen wir uns bewusst Auszeiten. Jeder von uns geht einmal pro Woche zu einer Yoga-Einheit und zusätzlich dazu gehen wir alle zwei Wochen gemeinsam zu einer Logotherapeutin, um unser Unternehmen und unsere Beziehung zu reflektieren.
Die Care-Arbeit teilen wir uns grundsätzlich auf – je nach Auslastung übernimmt mal der eine, mal der andere. Außerdem haben wir das große Glück, dass uns beide Großelternpaare unterstützen und sogar in der Nachbarschaft helfen wir uns durch Fahrgemeinschaften und Betreuung am Nachmittag gegenseitig.
Uns war auch wichtig, einen Kindergarten zu finden, der unsere Werte widerspiegelt: Verantwortung, Gemeinschaft und Mitgefühl. Er ist zwar nicht gerade günstig und sicherlich nicht für jede Familie passend, da auch die Elternmitarbeit verpflichtend ist, aber für uns war er genau die richtige Entscheidung. Wir investieren lieber in diese Form der Betreuung, statt zum Beispiel große Urlaube zu machen.
Karriere im klassischen Sinn war für mich nie relevant. Für mich war es immer die Priorität, das zu tun, was sich richtig anfühlt – auch wenn das bedeutet hat, Erwartungen zu durchbrechen oder neue Wege zu gehen.
Ich hoffe, dass ich das auch meinen Kindern und jungen Mitarbeitenden vorlebe: Auch wenn der eigene Weg für andere widersprüchlich wirkt, darf man sich davon nicht irritieren und abbringen lassen. Wenn man sich selbst treu bleibt, wird es funktionieren.
© Claudia Gattinger
Wenn Sie einer Frau, die überlegt, sich selbstständig zu machen oder finanziell unabhängiger zu werden, einen konkreten Rat geben müssten, welcher wäre das?
Warten Sie, bis Sie innerlich bereit sind. Als ich den ersten Schritt gemacht habe, hatte ich bereits die Sicherheit, die mich in meiner Entscheidung bekräftigt hat.
Bevor Sie starten, stellen Sie sich ein paar grundlegende Fragen: Worum geht es Ihnen wirklich? Möchten Sie sich aus einer Situation lösen oder etwas Neues gestalten? Oder möchten Sie unabhängig entscheiden können? Ich habe schon oft erlebt, dass diese Fragen vorab nicht vollständig geklärt sind. Das kann später zu Unsicherheiten und Unklarheiten führen. Außerdem sollten Sie sich Ihr Umfeld genau ansehen. Haben Sie ein Sicherheitsnetz? Wer kann Sie in schwierigen Zeiten unterstützen?
Berufliche Selbstständigkeit ist ein wenig so, wie das erste Mal Mutter zu werden. Man kann sich vieles in der Theorie vorstellen und sich vorbereiten, wie es dann allerdings in der Praxis tatsächlich funktioniert, versteht man erst, wenn man mittendrin ist.
Menschen, auf die man zählen kann, und ein wenig Mut zum Ungewissen gehören dazu, und genau das macht diesen Weg so spannend und lehrreich.