Gemeinden unter Druck: „Die größte Herausforderung ist, Lebensqualität und Zusammenhalt zu erhalten“
10.09.2026
Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich verschärft, Investitionen werden aufgeschoben und die demografischen Herausforderungen wachsen. Gleichzeitig bleiben Gemeinden die wichtigste Ebene des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Im Gespräch erklärt Chirstopher Mühlbacher-Blum, Leiter der Abteilung Gemeinnütziger Wohnbau & Öffentliche Hand bei der Erste Bank, warum Kommunen mehr Unterstützung statt Ratschläge brauchen, was erfolgreiche Gemeinden in Zukunft auszeichnen wird und welche Rolle Banken spielen.
Wie beurteilen Sie die aktuelle wirtschaftliche und digitale Lage der österreichischen Gemeinden angesichts des angespannten konjunkturellen Umfelds?
Die Herausforderungen für Gemeinden standen bereits im Vorjahr im Mittelpunkt. Hat sich die Situation seither verändert?
Ja, sie hat sich sogar verschärft. Das liegt allerdings weniger an den Gemeinden selbst als an äußeren Faktoren. Einerseits ist politische Verantwortung insgesamt schwieriger geworden. Andererseits wird immer deutlicher, dass Österreich beim Umgang mit öffentlichen Finanzen nicht einfach weitermachen kann wie bisher. Dieser Druck wirkt sich bis auf die kleinste Ebene aus: die Gemeinden. Gleichzeitig werden die Zukunftsfragen größer: Wie gehen wir mit einer älter werdenden Gesellschaft um? Wie schaffen wir resiliente Gemeinden? Wie organisieren wir Mobilität und Versorgung?
Was sich jedoch nicht verändert hat, ist die zentrale Rolle der Gemeinden. Sie sind die Ebene, auf der Menschen ihr tägliches Leben unmittelbar erleben. Dort entsteht Zusammenhalt, dort werden Probleme greifbar und dort engagieren sich Menschen ehrenamtlich und politisch mit großem Einsatz. Diese Verantwortung und gesellschaftliche Bedeutung ist in den vergangenen Jahren eher noch größer geworden.
"Die Verantwortung und gesellschaftliche Bedeutung von Gemeinden ist in den vergangenen Jahren eher noch größer geworden.," Christoph Mühlbacher-Blum.
"Jede Investition bedeutet Aufträge für Unternehmen. Werden Projekte verschoben, sinkt diese Nachfrage."
Wie können Gemeinden den Spagat zwischen Sparzwang und wichtigen Investitionen schaffen?
Was sie nicht brauchen, sind kluge Ratschläge von außen. Wie etwa, dass man Gemeinden einfach zusammenlegt und alles ist gut. Sie brauchen vielmehr Verantwortliche auf Bundesebene, die klare Zukunftsvorstellungen entwickeln und nachhaltig, sanierte Budgetpfade entwickeln. Große Reformen können nur auf Bundesebene angegangen und durchgeführt werden. Davon profitieren dann alle, insbesondere aber auch Gemeinden. Deren Gestaltungsspielraum dadurch wieder größer wird.
Wo werden die finanziellen Belastungen aktuell besonders sichtbar?
Bei den Kernaufgaben werden Gemeinden nicht einfach aufhören zu investieren. Wenn eine Schule saniert werden muss oder ein Pflegeheim erweitert werden muss, dann wird das passieren. Zurückhaltung gibt es vor allem bei größeren Projekten. Viele Gemeinden verschieben Investitionsentscheidungen für die nächsten Jahre. Nicht weil diese Projekte unwichtig wären, sondern weil die finanzielle Unsicherheit groß ist.
Welche Folgen hat das für die regionale Wirtschaft?
Wenn Investitionen zurückgehalten werden, wirkt sich das natürlich auf die Wirtschaft aus. Jede Investition bedeutet Aufträge für Unternehmen. Werden Projekte verschoben, sinkt diese Nachfrage. Von einem dramatischen Einbruch würde ich aber nicht sprechen. Die meisten lokalen Betriebe sind nicht ausschließlich von öffentlichen Aufträgen abhängig. Dennoch entsteht eine gewisse wirtschaftliche Entschleunigung in den Regionen.
Welche Rolle kann die Erste Bank beziehungsweise die Sparkassengruppe dabei spielen?
Unsere Aufgabe ist zunächst, Gemeinden zuverlässig zu begleiten. Jede Finanzierungsanfrage wird von uns ernst genommen, unabhängig von ihrer Größe. Wir verstehen uns als Partner der Gemeinden. Darüber hinaus können wir bereits in frühen Planungsphasen unterstützen und finanzielle Szenarien aufzeigen. Besonders wichtig ist aber das tägliche Banking. Gemeinden benötigen effiziente Lösungen für Zahlungsverkehr, Karten, digitale Prozesse und Verwaltung. Gerade hier spielen moderne digitale Angebote eine wichtige Rolle.
Welche Trends werden Gemeinden in den kommenden Jahren besonders beschäftigen?
Ein großes Thema wird die Digitalisierung bleiben. Österreich verfügt bereits über viele gute E-Government-Lösungen, aber die Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger steigen weiter. Viele Dienstleistungen sollen künftig direkt über Smartphone und digitale Anwendungen verfügbar sein. Dazu kommt die künstliche Intelligenz. Gemeinden beschäftigen sich zunehmend damit, wie KI Verwaltungsprozesse unterstützen kann.
Ein weiterer Treiber ist der Fachkräftemangel. Auch Städte und Gemeinden haben zunehmend Schwierigkeiten, ausreichend Personal zu finden. Deshalb werden digitale Werkzeuge zusätzlich an Bedeutung gewinnen.
Sind Österreichs Gemeinden innovativ genug?
Ja, definitiv. Gemeinden reagieren oft erstaunlich schnell auf neue Herausforderungen. Dabei geht es nicht immer um spektakuläre Innovationen, sondern häufig um pragmatische Lösungen, die im Alltag funktionieren. Bemerkenswert ist auch, wie intensiv Gemeinden voneinander lernen. Gute Ideen verbreiten sich rasch. Der Austausch untereinander ist vielfach stärker, als man von außen vermutet.
Wird die Zusammenarbeit zwischen Gemeinden wichtiger?
Absolut. Viele Gemeinden arbeiten heute bereits regional zusammen und dieser Trend wird sich verstärken. Früher wurde vieles innerhalb der eigenen Gemeindegrenzen gedacht. Heute stellt sich stärker die Frage, welche Leistungen gemeinsam besser erbracht werden können. Das betrifft Infrastrukturprojekte, Verwaltungsaufgaben oder regionale Entwicklungsstrategien. Dadurch entstehen Synergien, höhere Effizienz und oft auch bessere Finanzierungsmöglichkeiten.
Welche Herausforderungen sehen Sie langfristig?
Die größte Herausforderung ist der gesellschaftliche Wandel. Gleichzeitig verändert sich die Arbeitswelt rasant. Gemeinden müssen daher langfristiger denken: Wie schafft man attraktive Lebensräume?
Mindestens genauso wichtig ist der gesellschaftliche Zusammenhalt. In einer Zeit zunehmender Polarisierung müssen Gemeinden Orte bleiben, an denen Menschen einander begegnen, miteinander sprechen und Gemeinschaft erleben können.
Was macht in fünf Jahren eine erfolgreiche Gemeinde aus?
Erfolgreiche Gemeinden werden jene sein, die trotz aller Veränderungen die Lebensqualität ihrer Bürgerinnen und Bürger erhalten können. Es wird darum gehen, Lebensfreude, Gemeinschaft und Zufriedenheit zu sichern. Gemeinden müssen Räume schaffen, in denen Menschen zusammenkommen, sich austauschen und sich mit ihrem Wohnort identifizieren können.
Wenn Bürgerinnen und Bürger spüren, dass ihre Gemeinde lebenswert bleibt und die Herausforderungen der Zukunft aktiv gestaltet, dann ist das letztlich der wichtigste Maßstab für Erfolg. Und wahrscheinlich auch der beste Beweis dafür, dass kommunale Politik funktioniert.
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