
SpaceX: Der größte Börsengang der Börsengeschichte?
Das erste Halbjahr 2026 an den Börsen wird uns wohl kaum als besonders ruhig in Erinnerung bleiben. Dafür war bzw. ist das Umfeld schlicht zu stark von Unsicherheiten geprägt. Beginnend bei der Wirtschaftspolitik von Donald Trump über die massiven Investitionen in Künstliche Intelligenz und Halbleiter bis hin zur zentralen Frage, in welche Richtung sich die Zinsen letztlich entwickeln werden.
Gerade Letzteres hat sich in den vergangenen Wochen erneut eindrucksvoll gezeigt: Zinstrends können schnell drehen. Steigende Energiepreise, ein robuster Arbeitsmarkt und neue Inflationssorgen haben die Märkte wieder vorsichtiger werden lassen.
Und dennoch: Trotz dieses herausfordernden Umfelds stehen gleich mehrere große Börsengänge (IPOs) an – offenbar weitgehend unbeeindruckt von der aktuellen Unsicherheit. Allen voran: SpaceX.
Die KI-Weltraumstory
Am 12.06. wird Geschichte geschrieben!
SpaceX hat in der Vergangenheit nicht nur durch seinen durchaus umstrittenen Eigentümer Elon Musk für Aufmerksamkeit gesorgt. Vor allem ist dem Unternehmen etwas gelungen, das lange als nahezu unmöglich galt: Raumfahrt deutlich günstiger, wiederverwendbarer und damit kommerziell nutzbar zu machen.
Was früher ein Feld für Staaten, Behörden und milliardenschwere Programme war, ist heute ein skalierbares Geschäftsmodell: Raketen starten, landen, wieder starten – und dabei die Kosten massiv senken. Das klingt nach Science-Fiction, ist aber längst operative Realität.
Doch die Story endet längst nicht bei Raketen. SpaceX stützt sich heute im Wesentlichen auf drei Bereiche: Raumfahrt, Connectivity über Starlink und das KI-Geschäft rund um xAI. Und genau diese Mischung macht den möglichen Börsengang so spannend und schwer zu bewerten.
Connectivity: Starlink ist der Star im Maschinenraum
Der vermutlich greifbarste Teil der SpaceX-Story ist Starlink. Mit inzwischen über 10,3 Mio. zahlenden Abonnent:innen und mehr als 9.600 Satelliten im Orbit hat sich Starlink zu einem zentralen Pfeiler entwickelt. Im Gesamtjahr 2025 entfielen rund 61 % des Konzernumsatzes auf diesen Bereich. Im ersten Quartal 2026 waren es sogar rund 3,26 Mrd. US-Dollar Umsatz bei einem operativen Ergebnis von rund 1,19 Mrd. US-Dollar.
Das zeigt klar, warum Starlink für Musk eine so zentrale Rolle spielt. Während Raketenstarts und KI noch hohe Investitionen erfordern, liefert Starlink das, was Anleger:innen sehen wollen: Wachstum, Skalierung und Profitabilität.
KI-Geschäft und X: Zwischen Vision und Geldverbrennung
Kaum weniger polarisierend als Musk selbst ist sein KI-Geschäft rund um xAI und Grok. Mit Grok hat Musk eine KI auf den Markt gebracht, die bewusst aneckt – laut, provokant und wenig angepasst. Ganz im Stil der Marke Musk.
Allerdings trifft xAI auf einen bereits hart umkämpften Markt. Anbieter wie ChatGPT oder Claude haben sich stark positioniert. Musk betritt also kein leeres Spielfeld, sondern einen intensiven Wettbewerb, in dem Milliarden investiert werden, um vorne zu bleiben.
Und genau hier liegt der kritische Punkt.
Die KI-Sparte ist derzeit der größte Verlustbringer im Konzern. Im ersten Quartal 2026 wurden rund 818 Mio. US-Dollar Umsatz erzielt – bei einem operativen Verlust von etwa 2,47 Mrd. US-Dollar.
In Summe kam SpaceX im selben Zeitraum auf rund 4,69 Mrd. US-Dollar Umsatz und einem operativen Verlust von etwa 1,94 Mrd. US-Dollar.
Das zeigt deutlich: SpaceX ist nicht nur eine saubere Starlink-Story. Es ist auch eine Wette darauf, dass Musk aus Raumfahrt, Satelliteninternet und KI irgendwann ein noch größeres Ökosystem baut.
Die Frage ist nur: Wie viel Zukunft darf man heute schon bezahlen?
IPO-Timing: Wer bekommt das frische Kapital?
Sam Altman, Elon Musk und Dario Amodei haben sicherlich einige Gemeinsamkeiten. Eines kann man aber nicht behaupten: Dass sie gemütlich gemeinsam am selben Lagerfeuer sitzen.
OpenAI, Anthropic und SpaceX stehen alle für große Zukunftsstorys rund um KI, Infrastruktur, Daten, Rechenleistung, Automatisierung und im Fall von SpaceX auch noch Raumfahrt. Es wirkt, als würden sie an den Kapitalmärkten um das frische Kapital der Anleger:innen konkurrieren.
Denn eines ist klar: Auch wenn Geld an den Kapitalmärkten grundsätzlich vorhanden ist, ist die Aufmerksamkeit jedoch begrenzt.
Die zentralen Fragen lauten daher:
Wer kommt als Nächstes an den Markt?
Bleibt ausreichend Kapital für den letzten IPO-Gänger?
Oder kann einer dieser Börsengänge mit Zahlen so stark glänzen, dass Anleger:innen ihr Geld bewusst zurückhalten?
Und wie beeinflusst das größte IPO der Geschichte den Gesamtmarkt?
Gerade bei SpaceX wird diese Frage besonders spannend. Denn ein Börsengang dieser Größenordnung ist mehr als ein Unternehmensereignis – es ist ein Marktereignis.
„Fast Entry“: Nicht jeder Index spielt mit
Im Mai 2026 hat die Nasdaq ihre Regeln überarbeitet – mit bemerkenswertem Timing. Dabei ist vor allem ein Begriff in aller Munde: Fast Entry.
Unter bestimmten Voraussetzungen können neu gelistete Unternehmen deutlich schneller in den Nasdaq-100 aufgenommen werden. Bereits am siebten Handelstag wird die Marktkapitalisierung geprüft und wenn das Unternehmen unter die Top 40 der Indexmitglieder fallen würde und alle weiteren Kriterien erfüllt, kann die Aufnahme bereits nach dem 15. Handelstag erfolgen. Früher dauerte das deutlich länger.
Für SpaceX wäre eine schnelle Indexaufnahme enorm wichtig, da sie zusätzliche Nachfrage auslösen kann, weil indexnahe Produkte und passive Strategien die Aktie kaufen müssen.
Doch nicht alle Indizes gehen diesen Weg. S&P Dow Jones Indices hält an seinen etablierten Kriterien fest. Für den S&P 500 gilt weiterhin: mindestens 12 Monate Börsenhistorie, Profitabilität und ausreichender Streubesitz.
Das bedeutet: SpaceX kann zwar schnell Aufmerksamkeit bekommen – eine flächendeckende Indexintegration ist jedoch nicht möglich.
Was sollten Anleger:innen nun beachten?
Wachstumsunternehmen können negative Konzernergebnisse haben. Das ist nicht automatisch ein Warnsignal. Gerade wenn viel in Forschung, Technologie, Infrastruktur und Marktaufbau investiert wird, können Verluste Teil der Wachstumsphase sein.
Aber genau deshalb sollte man nicht nur auf die große Story schauen, sondern auch auf die Details.
Denn bei SpaceX investieren Anleger:innen nicht nur in Starlink, sondern auch in Raketenentwicklung, KI-Infrastruktur, hohe Investitionen, Musk-Risiko und eine sehr ambitionierte Bewertung.
Folgende Punkte sollten Anleger:innen besonders im Hinterkopf behalten:
Kein schneller S&P 500-Eintritt: Eine schnelle Aufnahme in den S&P 500 ist nicht zu erwarten. Dadurch entstehen vorerst keine automatischen Pflichtkäufe durch S&P-500-ETFs.
Starlink ist profitabel, xAI noch nicht: Starlink ist aktuell der stärkste operative Bereich. Die KI-Sparte belastet dagegen das Ergebnis deutlich.
Sehr geringer Streubesitz: Nur ein kleiner Teil der Aktien ist frei handelbar. Je nach Betrachtung liegt der Free Float im Bereich von rund 5 bis 7 Prozent. Das kann die Aktie anfälliger für starke Kursbewegungen machen.
Starker Einfluss von Elon Musk: Er kontrolliert weiterhin den Großteil der Stimmrechte. Anleger:innen kaufen also nicht nur SpaceX, sondern auch sehr viel Musk.
Ein X-Post kann reichen: Bei kaum einem anderen Unternehmer können einzelne Aussagen, Posts oder Interviews so stark auf die Wahrnehmung eines Unternehmens wirken. Das kann Chance sein, aber eben auch Risiko.
Fazit
SpaceX ist ohne Zweifel eines der spannendsten Unternehmen unserer Zeit. Die Kombination aus Raumfahrt, Satelliteninternet und künstlicher Intelligenz ergibt eine Story mit enormem Potenzial. Doch genau darin liegt auch das Risiko.
Denn je größer die Geschichte, desto höher die Erwartungen. Und je höher die Erwartungen, desto kleiner wird die Fehlertoleranz.
SpaceX könnte mit diesem Börsengang Börsengeschichte schreiben. Die entscheidendere Frage ist jedoch nicht, ob die Rakete startet. Sondern: Bleibt die Bewertung auch im Orbit, wenn der erste Hype verflogen ist?
Keine Anlageempfehlung. Aber definitiv ein Börsengang, den man im Auge behalten sollte.
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Erschienen am 10. Juni 2026.
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