
Emerging Markets: Vom Rohstoffboom zur KI-Revolution
86 Prozent der Weltbevölkerung leben in Schwellenländern. Trotzdem fließen nur rund 10 Prozent des weltweit investierten Geldes in diese Märkte. Diese Lücke beginnt sich nun zu schließen. Der Auslöser ist nicht etwa ein neuer Rohstoffboom, sondern die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz.
Lange Zeit galten Schwellenländer als chancenreich, aber risikobehaftet. Ihren großen Aufstieg verdankten sie vor allem dem Rohstoffboom, der maßgeblich von der starken Nachfrage Chinas getragen wurde. In den 2000er-Jahren prägte Goldman Sachs erstmals den Begriff BRIC (Brasilien, Russland, Indien und China) und schuf damit zugleich das Sinnbild für den damaligen Emerging-Markets-Boom.
Schon damals leisteten Schwellenländer einen bedeutenden Beitrag zur Weltwirtschaft, und gewannen zunehmend an Bedeutung. Dennoch war der Weg keineswegs frei von Rückschlägen. Ein prägendes Beispiel dafür ist die Asienkrise von 1997. Viele Länder hatten ihre Währungen an den US-Dollar gekoppelt. Als Spekulationsattacken auf die Währungen zunahmen und die Devisenreserven schmolzen, mussten zahlreiche Zentralbanken die Bindung an den Dollar aufgeben. Die Folge war eine Kettenreaktion: Währungen verloren massiv an Wert, Investor:innen zogen Kapital ab und wirtschaftliche Unsicherheit breitete sich aus.
Doch Krisen schaffen oft die Grundlage für Reformen. Viele Schwellenländer verfügen heute über flexible Wechselkurse, höhere Devisenreserven und eine stärkere Finanzierung über den heimischen Kapitalmarkt. Dadurch sind sie gegenüber externen Schocks deutlich robuster aufgestellt als noch vor wenigen Jahrzehnten.
Das Jahrzehnt der Emerging Markets?
BRIC, Tigerstaaten oder Rohstoffnationen – lange wurden Schwellenländer vor allem mit diesen Schlagworten verbunden. Mit dem KI-Boom hat sich die Wahrnehmung jedoch spürbar verändert. Seit Jahresanfang konnten Schwellenländer den bekannten US-Index S&P 500 um 14,01 Prozent übertreffen (Siehe Grafik Stand: 02.07.2026).
Die Frage liegt nahe: Sind die Rohstoffe zurück? Die Antwort lautet: Nein. Diesmal heißt der Wachstumstreiber Künstliche Intelligenz.
Zwei Staaten, drei Unternehmen und viel Potential
Wer über KI spricht, denkt meist zuerst an die großen US-Technologiekonzerne. Tatsächlich wird ein Großteil der Performance des S&P 500 von wenigen Unternehmen getragen. Das sogenannte Klumpenrisiko ist mittlerweile ein häufig diskutiertes Thema.
Blickt man jedoch nach Asien, wird deutlich, wie stark einzelne Unternehmen ganze Märkte prägen können. Im koreanischen Leitindex KOSPI 200 nehmen Samsung Electronics und SK Hynix gemeinsam eine herausragende Rolle ein. Der Grund dafür liegt weit über Smartphones und Unterhaltungselektronik hinaus.
Gemeinsam mit dem US-Unternehmen Micron gehören Samsung und SK Hynix zu den weltweit führenden Herstellern von High Bandwidth Memory (HBM). Dieser ultraschnelle Speicher ist eine zentrale Komponente moderner KI-Chips. Vereinfacht gesagt: Während der Grafikprozessor die Rechenarbeit übernimmt, sorgt HBM dafür, dass die benötigten Daten in Echtzeit bereitstehen. Ohne diese Technologie wäre die enorme Leistungsfähigkeit moderner KI-Anwendungen kaum möglich.
Noch eindrucksvoller ist die Rolle Taiwans. Dort dominiert Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC) den Markt und mach rund 40 Prozent des gesamten Index aus. Das Geschäftsmodell von TSMC ist einzigartig: Das Unternehmen entwickelt keine eigenen Chips, sondern produziert jene Chips, die andere Firmen entwerfen.
Zur Veranschaulichung: NVIDIA entwickelt die KI-Chips, Samsung und SK Hynix liefern den Hochleistungsspeicher – gefertigt werden die meisten dieser Chips jedoch bei TSMC. Zwar verfügt auch Samsung über eigene Fertigungskapazitäten und ist nach TSMC die Nummer zwei der Branche, doch der Abstand bleibt enorm.
Damit stehen Südkorea und Taiwan heute im Zentrum einer Wertschöpfungskette, die für den globalen KI-Boom unverzichtbar geworden ist.
Alles auf Emerging Markets setzen?
Auf keinen Fall, denn wie wir in der Vergangenheit gesehen haben, gibt es in allen Märkten Risiken und Schwankungen. Kein Markt lässt sich zuverlässig prognostizieren, und hohe Chancen gehen oft mit höheren Risiken einher. Entscheidend ist deshalb nicht die Suche nach dem „perfekten Markt“, sondern eine ausgewogene Depotstruktur. Wer langfristig Vermögen aufbauen möchte, setzt auf eine breite Diversifikation über unterschiedliche Anlageklassen, Regionen und Themen hinweg.
Ein bewährter Ansatz ist die Core-Satellite-Strategie: Ein stabiler Kern bildet das Fundament des Portfolios, während gezielt ausgewählte Satelliteninvestments zusätzliche Wachstumschancen eröffnen. So können Anleger:innen von großen Zukunftstrends profitieren, ohne dabei die Stabilität des Gesamtdepots aus den Augen zu verlieren. Oder anders gesagt: Wer sein Portfolio gut aufstellt, kann auch in stürmischen Marktphasen gelassen bleiben und die Fahrt nach oben entspannt abwarten.
Quelle: Schwellenländer stellen rund 86 % der Weltbevölkerung (World Economics – Emerging Markets Economy 2026: https://www.worldeconomics.com/Regions/Emerging-Markets/), sind in globalen Aktien-Benchmarks aber nur mit etwa 10–12 % gewichtet (MSCI Emerging Markets Index / Avantis Investors – The State of Emerging Markets 2026: https://www.avantisinvestors.com/avantis-insights/msci-emerging-markets-valuations-vs-sp500/).
Alen Obic, Sparkasse OÖ Kapitalanlagegesellschaft
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Erschienen am 9. Juli 2026
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