Wahlfreiheit entsteht nicht durch Glück. Sondern durch finanzielle Klarheit.

Wie wird aus einer Idee ein Members Club und eine Konferenz? Und was hat finanzielle Klarheit damit zu tun? Im Interview erzählt die Gründerin von Leaders in Heels Vada Prosquill, warum Liquidität wichtiger ist als Tempo, wie sie Unsicherheit in Struktur übersetzt und weshalb finanzielle Unabhängigkeit vor allem eines bedeutet: Wahlfreiheit.

Du hast vor zwei Jahren Leaders in Heels gegründet. Welche Rolle hat Geld auf deinem Weg in die Selbstständigkeit gespielt? Gab es einen Moment, in dem dir klar wurde: Ohne finanzielle Unabhängigkeit kann ich diese Entscheidung nicht treffen?

Geld hat auf meinem Weg in die Selbstständigkeit eine sehr große Rolle gespielt. Ich komme aus einem Umfeld, in dem Sicherheit immer einen hohen Stellenwert hatte. Eine gute Ausbildung, ein stabiles Einkommen, ein sicherer Job. Das war lange mein Verständnis von beruflichem Erfolg.

Selbstständigkeit bedeutet jedoch das Gegenteil von klassischer Sicherheit. Man ist selbst dafür verantwortlich, dass Geld reinkommt, dass man liquide bleibt und dass sich das eigene Modell trägt. Genau diese Verantwortung hat mich lange zögern lassen.

Ein entscheidender Wendepunkt war für mich ein sehr pragmatischer Gedanke: Ich habe mir eine klare finanzielle Grenze gesetzt. Einen Betrag und einen Zeitraum, den ich bereit war, zu investieren, mit dem Bewusstsein, dass ich im Zweifel auch wieder einen Schritt zurückgehen darf. Diese Klarheit hat mir die Angst vor dem Endlosen genommen. Es war kein unkontrolliertes Risiko mehr, sondern eine bewusste Entscheidung.

Finanzielle Unabhängigkeit bedeutete für mich in diesem Zusammenhang vor allem Handlungsspielraum. Zu wissen, dass ich mir diese Phase leisten kann, war letztlich die Grundlage dafür, den Schritt überhaupt zu wagen.

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Was war in der Gründungsphase deine größte finanzielle Herausforderung?

In der eigentlichen Gründungsphase hatte ich vergleichsweise geringe finanzielle Hürden, weil ich ein Dienstleistungsunternehmen gestartet habe. Ich musste keine Produkte vorfinanzieren oder große Infrastruktur aufbauen. Zudem gibt es in Österreich sehr gute Fördermöglichkeiten, die den Start erleichtern.

Die wirkliche finanzielle Herausforderung kam für mich erst mit dem Wachstum, konkret in dem Moment, in dem ich meine erste Mitarbeiterin eingestellt habe. Ab diesem Zeitpunkt war ich nicht mehr nur für mich selbst verantwortlich. Es ging plötzlich um Gehälter, Abgaben, Rücklagen und langfristige Planung.

Dieser Schritt hat mein Verständnis von Unternehmertum stark verändert. Ich habe begonnen, mich intensiver mit Steuern, Sozialabgaben und Liquiditätsplanung auseinanderzusetzen. Und ich habe verstanden, dass finanzielle Verantwortung ein zentraler Bestandteil von nachhaltigem Wachstum ist.

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Finanzielle Bildung ist für viele Frauen ein Schlüssel zur Selbstbestimmung. Welche Dinge hättest du selbst gerne früher über Geld, unternehmerische Zahlen und finanzielle Planung gewusst? Und was hat dir am meisten geholfen, sicherer zu werden?

Ich hätte mir gewünscht, früher zu verstehen, dass ein gesunder Umgang mit Geld nicht nur aus Sparen besteht. Lange war Geld für mich etwas, das man vor allem sichern muss und nicht verlieren darf. Erst später habe ich gelernt, dass Investieren genauso dazugehört: in Wissen, in Strukturen und in Wachstum.

Was mir am meisten geholfen hat, war, mich bewusst damit auseinanderzusetzen, statt Unsicherheit zu vermeiden. Gespräche mit erfahrenen Unternehmer:innen, klare Planungen und auch externe Expertise haben mir Sicherheit gegeben. Nicht, weil ich plötzlich alles wusste, sondern weil ich gelernt habe, Zahlen nicht als Bedrohung zu sehen, sondern als Orientierung.

Mit der Zeit ist aus Respekt vor dem Thema finanzielle Klarheit geworden. Und genau das gibt heute ein starkes Gefühl von Kontrolle und unternehmerischer Selbstverantwortung. Natürlich gibt es auch Momente, in denen ich unsicher bin. Niemand kann alles wissen. Dann ist es gut, sich Expert:innen dazuzuholen oder verschiedene Meinungen einzuholen.

Als Frau in unternehmerischen und leitenden Rollen erlebt man oft Hürden, auch in finanziellen Fragen. Wo bist du persönlich auf Widerstände gestoßen? Und wie hast du diese Situationen überwunden?

Gerade am Anfang ist es mir öfter passiert, dass ich mit externen Dienstleister:innen zusammengearbeitet habe und gemerkt habe: Mein Business wurde nicht mit der Professionalität behandelt, die ich erwartet habe. Deadlines wurden nicht ganz ernst genommen, Details schlampig umgesetzt oder Dinge „mal schnell“ erledigt.

Da hatte ich schon manchmal das Gefühl: Würde man bei einem männlich geführten Unternehmen genauso arbeiten? Das ist schwer messbar, aber das Gefühl war da. Und es hat mich anfangs verunsichert.

Ein weiterer Punkt ist tatsächlich das Belächeltwerden, vor allem als junge Unternehmerin. Man wird schnell in die Kategorie „nettes Projekt“ gesteckt und nicht in „ernstzunehmendes Unternehmen“. Eine potenzielle Partnerin hat nach zwei Jahren regem Kontakt und Kommunikation gedacht, wir seien ein Verein. Da war ich wirklich baff.

Was sich verändert hat, ist meine Haltung. Ich lasse Dinge nicht mehr durchgehen, nur um harmonisch zu bleiben. Ich spreche Qualität an und setze klare Erwartungen. Und wenn jemand mein Business nicht ernst nimmt, ist er oder sie schlicht nicht die richtige Partner:in.

Spannend finde ich auch die unterschiedlichen Entscheidungsstile, die ich erlebe. Mit vielen Frauen, mit denen ich zu tun habe, sind Prozesse sehr detailliert, sehr genau, sehr argumentationsintensiv. Entscheidungen werden gründlich geprüft. Mit Männern geht es oft schneller. Wenn sie von der Vision überzeugt sind, sind sie sofort dabei. Zahlen und Fakten werden dann manchmal zweitrangig.

Heute ist aus einem informellen Treffen ein Members Club und eine jährliche Konferenz geworden. Welche finanziellen Entscheidungen triffst du heute bewusst anders als zu Beginn? Und welchen Rat würdest du Frauen geben, die beruflich wachsen wollen, ohne finanziell abhängig zu werden?

Wenn ich ehrlich bin, war ich zu Beginn mutiger als strategisch. Schon im Gründungsjahr habe ich Deals in einer Größenordnung von rund 50.000 Euro zugesagt, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht liquide war. Ich hatte das Geld nicht auf der Seite. Das hätte auch ordentlich schiefgehen können.

Es ist gut ausgegangen. Aber heute würde ich so nicht mehr entscheiden.

Was sich verändert hat, ist mein Blick auf Liquidität. Wachstum um jeden Preis ist kein nachhaltiges Wachstum. Heute achte ich viel stärker auf Puffer, auf Planung und darauf, dass Begeisterung nicht meine einzige Entscheidungsgrundlage ist. Ich traue mich zwar, mit höheren Beträgen zu arbeiten, aber mit deutlich mehr Struktur dahinter.

Ein prägender Moment war auch eine frühe Situation, in der mir jemand Hilfe angeboten hat. Rational betrachtet hätte ich zusagen sollen. Aber mein Bauchgefühl war nicht stimmig. Ich konnte die Motivation dahinter nicht klar einordnen. Ich habe mich dagegen entschieden, obwohl ich wusste, dass das diese noch sehr junge Geschäftsbeziehung wahrscheinlich beendet.

Rückblickend war es finanziell eine der besten Entscheidungen. Ich konnte direkt im ersten Jahr schwarze Zahlen schreiben und habe gelernt, dass Intuition und wirtschaftliche Vernunft kein Widerspruch sein müssen.

Heute habe ich deutlich mehr Vertrauen in meine Einschätzung und mein unternehmerisches Können.

Mein Rat ist deshalb: Baut euch finanzielle Stabilität bewusst auf. Unabhängigkeit beginnt nicht bei großen Summen, sondern bei Struktur. Ein Notfallpuffer. Mehrere Einnahmequellen. Vielleicht ein ETF Sparplan oder ein Fonds. Selbst kleine Schritte sind besser als gar keine.

Es geht nicht darum, sich gegen bestehende Strukturen aufzulehnen oder sich zwischen Karriere und Privatleben entscheiden zu müssen. Man kann finanziell eigenständig sein und trotzdem im privaten Leben jede Rolle leben, die sich richtig anfühlt.

Am Ende geht es um Wahlfreiheit. Und Wahlfreiheit entsteht durch finanzielle Klarheit.