
Finanzielle Unabhängigkeit in Beziehungen: „Egal, wie groß die Liebe ist, ich kalkuliere immer so, als ob ich allein wäre.“
Wie kommt man aus finanzieller Abhängigkeit in die Selbstbestimmung? Und wie bleibt man handlungsfähig, wenn das Leben gerade alles andere als einfach ist? Juliana Klemm, Selbstständige Unternehmensberaterin, hat diesen Weg hinter sich. Im Interview erzählt sie, warum Klarheit der erste Schritt ist, wie eine Haushaltsrechnung wieder Boden unter den Füßen schafft und weshalb sie heute jede finanzielle Entscheidung so trifft, als müsste sie sie allein tragen. Ihre Botschaft ist deutlich: Nichts zu ändern, wird nichts ändern.
© Martina Siebenhandl
Sie haben offen darüber gesprochen, wie herausfordernd der Weg aus Ihrer ersten Ehe war, vor allem mit Kindern und einer starken finanziellen Abhängigkeit. Wie haben Sie damals die ersten Schritte geschafft und was hat Ihnen in dieser Phase am meisten Halt gegeben?
Juliana Klemm:
Ich habe mir Klarheit verschafft. Was brauche ich, damit ich unabhängig werde? Wie viel Kapital muss ich anhäufen, um Maklerprovision, Kaution und Einrichtung zu bezahlen?
Ich hatte allerdings eine Vollzeitstelle. Vielleicht ist das auch schon der wichtigste Schritt. Ich hatte Arbeit.
Dann habe ich eine Haushaltsrechnung erstellt. Ich habe geprüft, ob mein derzeitiges Einkommen die monatlichen Kosten decken kann und wo ich Ausgaben reduzieren kann. Außerdem habe ich die Kinderbetreuung organisiert und mit meinem Arbeitgeber über mehr Flexibilität am Ende des Tages gesprochen. So konnte ich die Kinder abholen und fehlende Stunden von zu Hause nacharbeiten.
Viele Leser:innen kennen das Gefühl, finanziell festzustecken oder keinen klaren Ausweg zu sehen. Welche Gedanken, Überzeugungen oder Glaubenssätze mussten Sie für sich verändern, um wieder handlungsfähig zu werden?
Dass es immer eine Lösung gibt. Nichts zu ändern, wird nichts ändern. Und manchmal muss man auch einen Traum aufgeben.
Ein Ort, eine Wohnung, ein Haus ist nichts, wofür es sich lohnt zu bleiben. Es sind Ruhe, Freiheit und ein Leben mit den Kindern in Frieden, die wirklich zählen.
Auch wenn das heißt, dass ich erst um 17:00 Uhr ins Schwimmbad gehen kann, weil dann der Eintritt frei war. Auch wenn für eine Zeit lang kein Luxus möglich ist. Ich habe auch Zwiebeln mit einem Buttermesser schneiden können. Davon hatte ich vier Stück. Und es hat auch geschmeckt.
Es geht auch anders. Es ist zwar schwieriger. Aber es ist nicht mehr schwer. Wir können alles schaffen. Und der Weg, den wir dann gehen, ist zumindest unser Weg.
Heute leben Sie finanziell unabhängig, investieren selbstbewusst und führen Ihr eigenes Unternehmen. Welche drei Entscheidungen waren rückblickend am wichtigsten für Ihre neue finanzielle Stabilität und Freiheit?
Egal, wie groß die Liebe ist, und egal, wie sehr die Beziehung, die ich seit 15 Jahren habe, verspricht, ein Leben lang zu halten. Ich kalkuliere immer so, als ob ich allein wäre. Jede Investition kann ich auch allein stemmen.
Das nimmt sehr viel Druck aus einer Beziehung, weil man einander finanziell nicht benötigt. Es ist für beide Partner schwierig, die andere Person tragen zu müssen. Diese Belastung haben wir nicht. Das ist angenehm.
Erstens: alles allein kalkulieren.
Zweitens: Kinder brauchen finanzielle Sicherheit genauso sehr wie Zuwendung und Liebe. Meine Kinder waren immer in Betreuung. Ich habe bis auf vier Monate immer Vollzeit gearbeitet. Niemand hat etwas davon, wenn man kein Geld hat, aber dafür zwei Stunden länger auf einem Spielplatz war. Wenn ich da war, war ich voll da. Ohne Smartphone, ohne Ablenkung. Und wenn ich nicht da war, hatten sie die bestmögliche Betreuung. Und ich hatte kein schlechtes Gewissen.
Drittens: Sobald ich meine Schulden zurückgezahlt hatte, habe ich mich auf die Zukunft fokussiert und mit kleinen Beträgen Fondssparen begonnen. Das muss jede Person für sich selbst entscheiden. Außerdem habe ich einen Betrag angespart, der mich für einige Monate finanziell sicher sein lässt. Den greife ich nicht an, egal, was kommt.
Gab es auf Ihrem Weg Momente des Zweifels? Wie sind Sie mit Rückschlägen und Unsicherheiten umgegangen und was hat Ihnen geholfen, weiterzugehen?
Zweifel hatte ich als Mutter schon. Ich habe mich gefragt: Kann ich es nicht doch aushalten? Aber im Endeffekt muss ich in meinem Leben gar nichts aushalten. Mein Leben, meine Regeln.
Ich sehe einen Rückschritt eher als Anlauf nehmen. Es hilft nichts, zu zaudern, wenn es schwierig ist. Dann einfach weitermachen. Es wird nicht immer schwierig bleiben.
Diese Zuversicht kann man sich auch aufschreiben, wenn man sie als Mantra braucht. Nichts währt ewig, nicht das Leid und nicht die Freude. Deswegen hat es mir geholfen, meinen Fokus auf die Freude zu legen. Weil sie nicht ewig währt, will ich mich daran freuen, solange sie da ist.
Wenn wir alle zurückschauen, gibt es immer Momente der Unsicherheit. So what? Morgen ist die Welt eine andere, und dann sehen wir weiter. Gerade Kinder brauchen Eltern, die zuversichtlich sind. Wer soll denn sonst Zuversicht geben?
Wenn Sie einer Frau einen einzigen Rat geben dürften, die gerade überlegt, wie sie aus einer finanziell abhängigen Situation herauskommen kann: Welcher wäre das?
Machen Sie einen Plan und verschaffen Sie sich Klarheit über die finanzielle Situation. Überlegen Sie, wie Ihr Leben funktionieren kann. Haben Sie keinen Job, dann suchen Sie sich einen.
Wenn Sie wissen, was Ihr Ziel ist, zum Beispiel Ort, Arbeitszeiten und Betreuung, notieren Sie sich immer zwei Strategien pro Vorhaben. Plan A und Plan B. Überlegen Sie außerdem, auf welche Ressourcen, zum Beispiel Hilfe von außen, Sie zurückgreifen können.
Und finden Sie nichts, dann sind Sie die Kraft. Aber seien Sie wachsam und achtsam mit sich selbst und vertrauen Sie auf sich. Das war jetzt mehr als ein Rat, aber so einfach ist es nicht. Es ist schwierig. Schwierig, aber nicht schwer. Alles Gute!