Konjunktur: Fallendes wirtschaftliches Momentum ist keine schlechte Nachricht

07.Juli 2021

Der Konjunkturmotor springt langsam wieder an. Doch entscheidende Faktoren wie die Politik und neue Coronavirus-Varianten haben einen großen Einfluss auf das Wachstum. Das muss nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen sein.

Einer der wichtigsten Indikatoren für Konjunktur, der globale Einkaufsmanagerindex für den Fertigungssektor ist im Monat Juni im Vergleich zum Vormonat gefallen (55,5 nach 56,0, Quelle: JP Morgan). Ebenso waren die nationalen Versionen für die USA (60,6 nach 61,2, Quelle: ISM) und China (50,9 nach 51,0, Quelle: NBS) unter den jeweiligen Vormonatswerten. Bedeutet das eine schlechte Nachricht für risikobehaftete Wertepapierklassen wie Aktien?

Unterschiedliche Stadien

Bei der Zeitreihen-Charakteristik für die Veränderung der wirtschaftlichen Aktivität zeigt sich ein einheitliches Bild:

  • Stadium 1: Im Schockzeitraum scharf runter.
  • Stadium 2: Im Zeitraum von Lockerungen scharf rauf.
  • Stadium 3: Kräftiges, wenn auch abnehmendes Wirtschaftswachstum in den darauffolgenden Quartalen.

Die Stadien 2 und 3 können zur Wirtschaftszyklusphase „Erholung“ zusammengefasst werden. Diese dauert an, bis Vollbeschäftigung erreicht ist.

Je nach Land befinden wir uns entweder am Übergang von Stadium 1 zu Stadium 2 (Einige Emerging Market Economies wie Indien und Brasilien, die im zweiten Quartal geschrumpft sind), im Stadium 2 (Kontinentaleuropa), am Übergang von Stadium 2 zu Stadium 3 (USA) oder im Stadium 3 (China).

Politik entscheidend für Konjunktur

Die Politik ist dabei der entscheidende Faktor für die Länderunterschiede. Denn diese bestimmt vor allem 1) die Durchimpfungsraten (USA und das UK waren früh dran, Kontinentaleuropa hat aufgeholt, Emerging Markets Volkswirtschaften hinken deutlich den Developed Markets Volkswirtschaften hinterher).

Tatsächlich haben die zunehmenden Durchimpfungsraten zu einem Rückgang der Neuinfektionen und der Restriktionen und in weiterer Folge zu einer Zunahme der Mobilität und der wirtschaftlichen Aktivität sowie zu einem deutlichen Rückgang der Abwärtsrisiken für das Wachstum geführt. Natürlich stellen neue Varianten, die die Effektivität der Impfstoffe reduzieren, eine Gefahr dar.

Aber auch drei weitere Politikfaktoren sind für die unterschiedlich Entwicklung der Länder verantwortlich:  2) Die Eindämmungsmaßnahmen (Schrumpfung in der Eurozone im vierten Quartal 2020 und im ersten Quartal 2021), 3) Die Geldpolitiken (ultra-expansiv in den entwickelten Volkswirtschaften, bereits jetzt Leitzinsanhebungen in immer mehr Emerging Markets) und 4) Die Fiskalpolitiken (Fiskalpakete in den USA, European Recovery Fund beginnt im 2. Halbjahr die Gelder zu verteilen, weniger Kapazität in den Emerging Markets).

Überraschend kräftiges Wachstum

Bereits im 4. Quartal 2020 (1.8% im Quartalsabstand, Quelle: EAM) und im ersten Quartal (1% im Quartalsabstand) lag das Wachstum des realen globalen Bruttoinlandsproduktes deutlich über den ursprünglichen Schätzungen. Die für das zweite Quartal veröffentlichen Konjunkturindikatoren (vor allem für die USA, das Vereinigte Königreich und Kontinentaleuropa) deuten auf eine Wachstumsbeschleunigung hin (1,25%).

Auch wenn sich im 3. Quartal die USA und China abschwächen, gewinnt die globale Erholung an Breite (immer mehr Länder) und Tiefe (Erholung im Servicesektor aufgrund der Lockerungen). Für das globale reale Bruttoinlandsprodukt bedeutet das den Höhepunkt des Wachstums im dritten Quartal (Prognose: 2% im Quartalsabstand).

Ist das abnehmende Momentum bei einigen Monatsindikatoren zur wirtschaftlichen Aktivität, das auf eine abnehmende Wachstumsbeschleunigung hindeutet, gefolgt von einer Entschleunigung, nachträglich für Risk Assets (globaler Höhepunkt im dritten Quartal, USA Höhepunkt im zweiten Quartal)?

Unterstützung für Aktien wird weniger

Praktisch betrachtet ist auf vier Ebenen die Unterstützung gefallen:

  • Es ist schwer für die Wachstumsindikatoren geworden, die (mittlerweile nach oben angepassten) Erwartungen zu übertreffen.
  • Theoretisch betrachtet ist es klar, dass sich das Wirtschaftswachstum nicht lange so schnell beschleunigen kann, dennoch: die globale Beschleunigungsphase des Wachstums endet bald.
  • Immer mehr Zentralbanken in den entwickelten Volkswirtschaften denken über – wenn auch vorsichtige – Ausstiegs-Strategien aus der ultra-expansiven Haltung nach. Im Zentrum des Interesses steht die Fed-Politik. Bei „beträchtlichen“ Fortschritten am Arbeitsmarkt erfolgt die Bekanntgabe für eine Reduktion des sehr großen Anleiheankaufsprogramms (aktuell: 120 Milliarden US-Dollar pro Monat, Quelle: Federal Reserve). Ab Ende Sommer könnte dieses Ereignis eintreten. Wenn „maximale Beschäftigung“ erreicht ist, können die (sehr niedrigen) Leitzinsen angehoben werden (EAM-Erwartung: viertes Quartal 2022).
  • Die Bewertungsniveaus sind erhöht (die Kurse sind bereits kräftig angestiegen), weshalb eine enttäuschende Entwicklung leichter eintreten kann.

FAZIT: Ausblick bleibt konstruktiv

Zur Erinnerung: Die Wirtschaftszyklusphase lautet „Erholung“, und zwar für noch einige Quartale, nicht „Abschwung“, auch denn die Wachstumsraten (wahrscheinlich) ab dem vierten Quartal abnehmen werden.

Gleichzeitig bleiben die Geldpolitiken der großen Zentralbanken sehr unterstützend, auch wenn das Ausmaß der expansiven Haltung etwas abnehmen wird. Diese Kombination ist im wahrscheinlichsten Szenario ausreichen für einen konstruktiven Ausblick für Risk Assets. Das größte Risiko stellt nach wie vor eine fallende Effektivität der Impfstoffe aufgrund neuer Virusvarianten dar.

Wichtige rechtliche Hinweise: Prognosen sind kein zuverlässiger Indikator für künftige Entwicklungen.

Der Autor Gerhard Winzer ist seit März 2008 bei der Erste Asset Management tätig. Bis März 2009 war er Senior Fondsmanager im Bereich Fixed Income Asset Allocation, seit April 2009 ist er Chefvolkswirt.

Die wichtigsten Links von Behörden und Institutionen für Unternehmen rund um das Coronavirus finden sich hier.