Horizon Europe: Weltweit größtes Forschungsprogramm startet

04.Januar 2021

Am 1. Jänner startet das neue EU-Forschungsrahmenprogramm „Horizon Europe“. Mit einem Budget von 95,5 Mrd. Euro für die Jahre 2021 bis 2027 gilt es als weltweit größtes Forschungsprogramm. Die Mittelausstattung liegt Experten zufolge rund 25 bis 30 Prozent über jener des Vorläuferprogramms.

Forschung, Technologie und Innovation (FTI) seien nicht nur „zentral, damit wir so gut wie möglich durch und gestärkt aus der Corona-Krise heraus kommen, sie sind auch unerlässlich bei der Gestaltung der großen Herausforderungen, die in ‚Horizon Europe‘ mit sogenannten ‚Clustern‘ und ‚Missionen‘ konkret adressiert werden“, so Wissenschaftsminister Heinz Faßmann (ÖVP. Die Geschäftsführerin der Forschungsförderungsgesellschaft FFG, Henrietta Egerth, sieht im Budget für das Forschungsprogramm „ein sehr starkes Signal, über das wir uns sehr freuen – es hat ja nicht immer danach ausgeschaut“.

Ursprünglich hatte die Europäische Kommission 100 Mrd. Euro vorgeschlagen und das Europäische Parlament 120 Mrd. Euro dafür gefordert. Doch zwischenzeitlich drohte in den Diskussionen um den EU-Haushalt für die Jahre 2021 bis 2027 ein deutlicher Rückgang der Mittel für das Forschungsprogramm – rein nominell sogar unter das Budget des auslaufenden 8. Forschungsrahmenprogramms „Horizon 2020“, das mit rund 75 Mrd. Euro ausgestattet war.

Forschungsprogramm: 25 Mrd. für „exzellente Wissenschaft“

Wie schon „Horizon 2020“ ruht auch „Horizon Europe“ auf drei Säulen. In der Säule I sollen unter dem Titel „Exzellente und offene Wissenschaft“ insgesamt 25 Mrd. Euro (26 Prozent der Gesamtmittel) zur Verfügung gestellt werden. Das Gros davon ist mit 16 Mrd. Euro für den Europäischen Forschungsrat (ERC) vorgesehen, der „sicherstellt, dass die besten, kreativsten und manchmal auch im guten Sinn die verrücktesten Köpfe die Grenze des Wissens immer weiter nach außen schieben und ihre exzellenten Ideen und Forschungsprojekte gefördert werden“, so Faßmann.

Der ERC sei auch jener Programmteil mit der höchsten Rückflussquote für Österreich im auslaufenden Rahmenprogramm, und es werde wichtig sein, dieses Niveau weiterhin hoch zu halten, betonte Egerth. Benötigt würden aber auch starke Kooperationen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft für zukunftsfähige Innovationen und Lösungen. Insgesamt hat Österreich ja bisher bereits knapp 1,7 Mrd. Euro aus „Horizon 2020“ zurückgeholt, deutlich mehr als das zum Programmstart ohnehin hoch gesteckte Ziel von 1,5 Mrd. Euro.

„Globalen Herausforderungen“ trotzen

Mit einer Dotation von insgesamt 53,5 Mrd. Euro ist die Säule II das finanzstärkste Element des Programms (56 Prozent der Gesamtmittel). Unter dem Titel „Globale Herausforderungen und europäische industrielle Wettbewerbsfähigkeit“ werden hier Maßnahmen gefördert, die bestmöglich zu den industrie- und gesellschaftspolitischen Zielen der EU beitragen sollen. Dafür geplant sind die sechs thematischen Cluster „Gesundheit“ (8,2 Mrd. Euro), „Kultur, Kreativität und inklusive Gesellschaften“ (2,3 Mrd. Euro), „Zivile Sicherheit für die Gesellschaft“ (1,6 Mrd. Euro), „Digitalisierung, Industrie und Weltraum“ (15,3 Mrd. Euro), „Klima, Energie und Mobilität“ (15,1 Mrd. Euro) sowie „Lebensmittel, natürliche Ressourcen und Landwirtschaft“ (8,9 Mrd. Euro).

„Da geht es wieder ganz stark um die Kooperation von Wissenschaft und Wirtschaft, wobei die Wirkungsorientierung noch einmal zunimmt – also die Frage, wie die in den Projekten erzielten Ergebnisse in die Anwendung kommen“, so Andrea Höglinger von der FFG. Dafür brauche es interdisziplinäre innovative Lösungen, die auch gesellschaftliche Akteure wie NGOs oder auch die öffentliche Beschaffung mit einbezieht, um die Ergebnisse in die Umsetzung zu bekommen.

Eine wesentliche Rolle in Säule II spielt die neue „Missionsorientierung“ der Forschung, mit der Ziele mit hoher gesellschaftlicher Relevanz erreicht werden sollen. Als Themenfelder wurden dafür „Krebs“, „Klimawandel“, „Gesunde Ozeane und Gewässer“, „Klimaneutrale und smarte Städte“ sowie „Bodengesundheit und Lebensmittel“ definiert und dafür konkrete Ziele formuliert. So sollen etwa bis 100 klimaneutrale Städte in Europa bis 2030 geschaffen oder im Rahmen der „Mission Krebs“ bis 2030 mehr als drei Millionen Leben gerettet werden. Faßmann sieht in den „Missionen“ auch das „Versprechen, dass sich Forschung und Entwicklung tatsächlich auf das Leben der Menschen auswirken“.

Mit rund 50 EU-Partnerschaften sollen zudem Synergien zwischen nationalen und europäischen FTI-Agenden in Schwerpunkten wie Gesundheit, Klima und Energie, Digitalisierung oder Industrie verstärkt genutzt werden. EU-Partnerschaften werden aus Mitteln der Mitgliedsländer und durch Mittel aus den Clustern der Säule 2 finanziert.

Vorreiter bei „marktschaffenden Innovationen“

Für Säule III sind unter dem Titel „Innovatives Europa“ 13,6 Mrd. Euro vorgesehen (14 Prozent der Gesamtmittel). Neu ist hier etwa der mit 10,1 Mrd. Euro ausgestattete „Europäische Innovationsrat“ (EIC), der vielversprechende Technologien vom Labor bis zur Marktreife unterstützen und damit Europa zum Vorreiter bei „marktschaffenden Innovationen“ machen soll. Im EIC vorgesehen sind zwei Förderinstrumente, die den gesamten Innovationszyklus abdecken: einerseits für die Frühphase („Pathfinder“), etwa für Ausgründungen aus Universitäten oder Forschungseinrichtungen, andererseits für die Entwicklung und Markteinführung („Accelerator“). Konkret sollen Firmen beim EIC einerseits Anträge für nicht rückzahlbare Zuschüsse in Höhe von bis zu 2,5 Mio. Euro stellen können. Andererseits wird es erstmals in der Geschichte direkte Investitionen der EU in Firmen geben, in Form von „blended financing“ in Höhe von maximal 15 Mio. Euro. Dieses öffentliche Risikokapital, das über die Europäische Investitionsbankengruppe investiert wird, soll als Katalysator für Investments des Markts, also anderer Risikokapitalgeber, wirken.

Unabhängig von diesen drei Säulen werden für die „Ausweitung der Beteiligung und Stärkung des Europäischen Forschungsraums“ 3,4 Mrd. Euro zur Verfügung gestellt. Hier geht es etwa darum, die Beteiligung von Mitgliedstaaten zu fördern, die bisher im Bereich Forschung und Innovation weniger aktiv waren. „Es darf keine Spaltung in ein forschungsstarkes und forschungsschwaches Europa geben, jedes Land und jedes Innovationssystem in Europa muss dazu gehören“, so Faßmann.

Für die heimischen Forscher und Unternehmen bietet die FFG ab 11. Jänner die Informationskampagne „Join our Community: Horizon Europe startet“ mit 35 Online-Veranstaltungen über die Struktur des Programms, kommende Ausschreibungen und Vernetzungsmöglichkeiten.

Heimische Unternehmen beantragten 2020 über eine Milliarde Forschungsprämie

Den Angaben zufolge gab es 2020 mindestens 9.700 Anträge, wovon 80 Prozent von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) stammten. Vom Fördervolumen selbst ging weniger als ein Drittel an KMU. Die Zahl für 2020 sei eine „grobe Schätzung“, erklärte eine Sprecherin von Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP). Die finale Höhe der Forschungsprämie liege vor, sobald auch die noch nicht bearbeiteten Anträge vom Jahresende berücksichtigt seien, hieß es.

Unternehmen können bei der Forschungsprämie für Aufwendungen im Bereich Forschung und Entwicklung eine Förderung in Höhe von 14 Prozent der Kosten beantragen – beispielsweise Lohnkosten für Forscherinnen und Forscher oder auch Ausgaben für Forschungsgeräte. Die Forschungsprämie war 2018 von 12 auf 14 Prozent aufgestockt worden. Abgewickelt wird sie über die Forschungsförderungsgesellschaft (FFG).

Dass voriges Jahr die Milliarde geknackt wurde, sieht die zuständige Wirtschaftsministerin in der Aussendung als Zeichen dafür, dass die „Forschungsprämie boomt“. Die Förderung sei ein wichtiger Standortfaktor und hole innovative Unternehmen nach Österreich. Für Finanzminister Gernot Blümel (ÖVP) ist die Forschungsprämie „ein nachhaltiges Investment in den Standort“. (APA/red)