Agilität macht Unternehmen in Krisenzeiten robuster

28.Dezember 2020

Organisationen, die auf Agilität setzen, können deutlich besser auf Veränderungen und Herausforderungen wie die aktuelle Covid-19-Krise reagieren. Laut der Management- und Technologieberatung BearingPoint ist die Unternehmenskultur nach wie vor die größte Herausforderung. Selbstbestimmtes Arbeiten ist demnach der wichtigste Motivationsfaktor und hybride Projektorganisationen sind die Realität.

Für die Organisationen, die Agilität bereits sehr stark in den Unternehmensalltag integriert haben, ist der Umgang mit Veränderungen und Unsicherheiten bereits Alltag und sie sind dadurch krisenfester. Das ist ein Ergebnis der aktuellen Studie „Agile Pulse 2020“ der Management- und Technologieberatung BearingPoint, in der die verschiedenen Dimensionen einer Organisation im Hinblick auf ihre agile Ausrichtung beleuchtet werden.

Die Unternehmenskultur ist nach wie vor die größte Herausforderung, selbstbestimmtes Arbeiten jedoch der wichtigste Motivationsfaktor. 39 Prozent der Führungskräfte geben an, ihr Unternehmen sei flexibel und könne sich schnell anpassen, bei den Nicht-Führungskräften gerade einmal 20 Prozent. Die Pandemie hat alle Organisationen vor große Herausforderungen gestellt. Doch gerade die, die bereits über agile Organisationsformen sowie agile Mindsets verfügten, kamen besser durch die Krise. Die Studienergebnisse zeigen klar, dass diese Organisationen flexibler auf die rasanten Veränderungen reagieren konnten und somit robuster sind. Nicht nur in Krisenzeiten, sondern zu jeder Zeit.

„Agilität ist kein neuer Begriff mehr, die meisten Organisationen haben verstanden, dass die bloße Einführung neuer Methoden und Frameworks nicht ausreicht, um ganzheitlich von Agilität zu profitieren. Insbesondere hat uns das Jahr 2020 gezeigt, dass für wirklich erfolgreiches agiles Arbeiten mehr als nur die Verwendung von agilen IT Teams benötigt wird und gerade die Unternehmen, die hier schon einen Schritt weiter sind, bis jetzt besser durch die Krise gekommen sind“, sagt Andreas Mitter, Partner und Head of Agile Advisory bei BearingPoint Österreich:

Corona-Krise zeigt Bedeutung von agilen Arbeitsformen

Wie bereits mit der Studie Agile Pulse 2019 wurde auch in 2020 wieder eine Umfrage bei über 370 Teilnehmern durchgeführt, um das Thema Agilität möglichst breit zu beleuchten. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Covid-19-Krise kommt der Befragung eine besondere Bedeutung zu. Denn viele Organisationen müssen auf mehrere Herausforderungen gleichzeitig reagieren und da zeigen sich – so die Agile Pulse 2020 Studie – Unterschiede zwischen den Organisationen, die bereits über agile Arbeitsformen verfügen und denen, die diese erst einführen. Neu in diesem Jahr ist auch die Einbeziehung nicht-deutschsprachiger Teilnehmer in die Umfrage.

Agilität im Einzug bei großen Organisationen

Immer mehr Organisationen setzen auf Agilität, wie die aktuelle Umfrage offenbart. So haben von den befragten Organisationen 62 Prozent in den vergangenen bis zu drei Jahren agile Methoden eingeführt. Weiterhin geben 20 Prozent an, dass agile Methoden bereits seit vier bis sechs Jahren in ihrer Organisation im Einsatz sind. Auffällig in diesem Zusammenhang ist, dass sehr große Organisationen mit mehr als 5000 Mitarbeitenden dabei noch eher am Beginn ihrer agilen Reise stehen. Denn die Auswertung zeigt, dass Agilität vor allem in den vergangenen ein bis drei Jahren Einzug fand. In kleineren Organisationen mit weniger als 500 Mitarbeitenden dagegen fing der Einsatz agiler Arbeitsweisen schon früher an, teils vor über 10 Jahren.

Eine große Mehrheit der Befragten (82 Prozent) sieht agile Organisationen besser gerüstet, wenn schnell auf Veränderungen wie beispielsweise in Krisen reagiert werden muss. Zudem geben mehr als zwei Drittel (71 Prozent) an, dass agile Organisationen im Vorteil sind, weil Mitarbeitende selbstorganisiertes Arbeiten gewohnt sind und daher auch remote effizient sein können. BearingPoint betont in diesem Zusammenhang, dass viele agile Rahmenwerke an komplexe, ungewisse Situationen mit einer Routine herangehen, die insbesondere in Krisenzeiten erleichtert, weiterhin kontinuierlich Arbeitsergebnisse zu liefern.

Die Top 5-Gründe für die Einführung agiler Methoden

Wie bereits die BearingPoint Agile Pulse 2019-Umfrage gezeigt hat, wird mit den Studienergebnissen von 2020 bestätigt, dass die Erwartungen an den Einsatz von Agilität berechtigt sind. Als „Top 5 Gründe für die Einführung agiler Methoden“ wurden genannt:

  • die Erhöhung der Flexibilität (57 Prozent),
  • die Erhöhung der Geschwindigkeit (49 Prozent),
  • die stärkere Kundenzentrierung (38 Prozent),
  • einfachere und schlankere Prozesse (31 Prozent)
  • und die Verbesserung der Eigenverantwortung der Mitarbeitenden (17 Prozent).

Der Top-Grund „Erhöhung der Flexibilität“ wurde laut den Befragten im Vergleich mit anderen Zielen insgesamt am besten erreicht (50 Prozent). Wie die BearingPoint-Umfrage ebenfalls darlegt, bewerten Führungskräfte und Nichtführungskräfte die Flexibilität ihres Unternehmens unterschiedlich. Während 39 Prozent der Führungskräfte angeben, ihr Unternehmen sei flexibel und könne sich schnell anpassen, sind es bei den Nicht-Führungskräften gerade einmal 20 Prozent, die diese Einschätzung teilen. Diese unterschiedlichen Bewertungen von Führungskräften und Mitarbeitenden seien ein Spannungsfeld, das laut BearingPoint möglicherweise durch mehr Transparenz entschärft werden könne.

Hybride Projektorganisationen sind Realität

Andreas Mitter erläutert: „Die Transformation hin zu einer agilen Organisation ist ein Prozess, der schrittweise mit variierender Schnelligkeit erfolgt. Demnach ist es möglich, dass verschiedene Abteilungen einer Organisation unterschiedlich weit bei der Einführung von agilen Methoden sind und sich auch deren Projektmanagementansätze dadurch unterscheiden.“

In der BearingPoint-Umfrage geben die Befragten an, dass 69 Prozent der Projekte in ihrer Organisation hybrid sind, also eine Mischform von klassischen und agilen Ansätzen angewandt wird. Im Gegenzug sind 17 Prozent agil und 14 Prozent der Organisationen klassisch organisiert. Am häufigsten eingesetzte agile Rahmenwerke bzw. Praktiken sind laut der Umfrage:

  • Scrum (76 Prozent)
  • Kanban (66 Prozent)
  • Design Thinking (51 Prozent).

Auch agile Skalierungs-Frameworks werden vermehrt in Verbreitung genutzt. Die Umfrage zeigt, dass agile Praktiken aktuell noch vor allem auf Team-Ebene eingesetzt werden (81 Prozent), gefolgt von der Abteilungsebene (62 Prozent). Weniger werden agile Praktiken derzeit auf der Strategieebene (29 Prozent) und Managementebene (26 Prozent) eingesetzt.

Wie schon im Agile Pulse 2019 sehen auch 2020 60 Prozent der Befragten die Kultur als größte Herausforderung bei der agilen Transformation ihres Unternehmens. Gefolgt vom Zusammenspiel zwischen agilem und traditionellem Vorgehen mit 46 Prozent und der Bereitschaft der Mitarbeitenden zur Veränderung mit 38 Prozent.

Selbstbestimmtes Arbeiten wichtigster Motivationsfaktor

Auch die Motivation der Menschen bestimmt die Organisationskultur mit und es gibt verschiedene Möglichkeiten, diese zu beeinflussen. Unter den Befragten zeigte sich laut BearingPoint ein großer Unterschied dazu, wie sie durch ihre Organisationen motiviert werden und wie sie gerne motiviert werden wollen. Organisationen fokussieren demnach stark auf die Sicherheit des Arbeitsplatzes, währenddessen die Mitarbeitenden jedoch auch bei Innovationen mitgestalten und selbstbestimmt arbeiten möchten. Selbstbestimmtes Arbeiten, etwas das durch agile Frameworks besonders unterstützt wird, ist mit 72 Prozent für die Mitarbeitenden der wichtigste Motivationsfaktor.

Internationale Unterschiede bei den Anreizen für agiles Arbeiten

Laut der BearingPoint-Umfrage war der Übergang zu virtueller Arbeit für agile Führungskräfte leichter, da sie bereits vorher Vertrauen in die Arbeit und Leistungen und die effiziente Selbstorganisation ihrer Mitarbeitenden gefasst hatten. Das ist gerade vor dem Hintergrund der aktuell laufenden Corona-Krise sehr interessant. So zeigt die Studie, dass im deutschsprachigen Raum die Befragten stärker als im nicht-deutschsprachigen Raum durch selbstbestimmtes Arbeiten motiviert werden möchten. Letztere werden hier stärker durch Weiterbildungsmöglichkeiten oder finanzielle Anreize motiviert, erklärt BearingPoint. Dies seien erste Hinweise für internationale Unterschiede, die BearingPoint künftig noch weiter durch eine noch stärkere Erweiterung der Studie außerhalb des deutschsprachigen Raums untersuchen möchte.