Lockdown-Bilanz: Stationärer Handel verliert dramatisch

10.November 2020

Nach einer Woche „Lockdown light“ zieht der Handelsverband eine erste Bilanz für den österreichischen Handel – und diese fällt ernüchternd aus. Der zweite Lockdown inkl. nächtlicher Ausgangsbeschränkungen zwischen 20:00 und 06:00 Uhr hat die angespannte Lage vieler heimischer Betriebe weiter verschärft.

Fast alle stationären Händler verlieren sowohl durch den Home-Office-Effekt als auch durch die neuen Restriktionen dramatisch. Mode- und Schmuckhändler berichten von bis zu minus 80 Prozent Umsatzrückgängen, die Lebensmittelgroßhändler gar von minus 90 Prozent. Vielerorts sind die Zahlen katastrophal. „Der zweite Lockdown und insbesondere die Betretungsverbote in der Gastronomie haben auch im gesamten stationären Handel zu dramatischen Frequenz- und Umsatzverlusten geführt. Die wirtschaftliche Triage braucht nun zielsichere Hilfen auch für indirekt von den Schließungen betroffene Betriebe, die durch Umsatzausfälle offenkundig direkt betroffen sind. Daher begrüßen wir, dass die Bundesregierung unsere Forderung aufgreift“, unterstreicht Rainer Will, Geschäftsführer des Handelsverbandes.

Während die gesamte Gastronomie ebenso wie viele Freizeiteinrichtungen für Gäste im November komplett gesperrt sind, darf der Handel zwar weiterhin offen haben – jedoch unter streng verschärften Hygiene-Vorgaben. Damit waren etwa der Totalausfall im Lebensmittelgroßhandel, der mit der Gastro seinen größten Kunden verliert, und auch die Einbrüche der Kundenfrequenz im gesamten Handel vorprogrammiert, was sich in den aktuellen Zahlen des Handelsverbandes widerspiegelt. Auf der Fläche sind die Umsätze in der letzten Woche lediglich im Lebensmitteleinzelhandel einigermaßen stabil geblieben bzw. leicht gestiegen.

E-Commerce profitiert weniger stark als erwartet

Anders als noch der erste Lockdown (im März & April 2020) hat der zweite auch im Onlinehandel bisher zu keinen nennenswerten Umsatzzuwächsen geführt. Zwar liegen die Umsätze im E-Commerce weiterhin um rund 20 Prozent über dem Vorjahresniveau, dies war allerdings auch schon vor dem zweiten Lockdown der Fall und verteilt sich sehr ungleich. Einen ungebremsten Boom verzeichnen hierbei stay-at-home-Sortimente wie Fitnessgeräte, Spielzeug und Unterhaltungselektronik.

„Der heimische Handel hat volles Verständnis für die neuen Corona-Maßnahmen des Gesundheitsministers. Genau dieses Verständnis erwartet sich der Handel aber auch vom Gesundheitsminister. Transparente Kommunikation ist die Basis für Planungssicherheit, sowohl für die Konsumenten als auch für die Händler. Was wir nicht brauchen können, sind täglich neue, vage Ankündigungen über etwaige Verschärfungen und im Nachgang verzögerte Verordnungen. Im Ergebnis hat sich die Sparquote bereits fast verdoppelt, was den Wirtschaftskreislauf hemmt“, so Will. „Sollte es tatsächlich nochmal zu einem kompletten Lockdown kommen, muss dieses Mal rechtlich klar geregelt werden, das ‚Click & Collect‘ zulässig ist, damit die Händler so wie die Gastronomen zumindest Waren vor Ort ausgeben können“, ergänzt er.

Lockdown: Handel benötigt volles Spektrum an Wirtschaftshilfen

„Wirtschaftshilfen müssen an die wirtschaftlichen Realitäten angepasst werden und nicht umgekehrt, wenn man dem Motto ‚Wir lassen niemanden zurück‘ treu bleiben will. Warum werden derzeit Expansion und Neuanstellung faktisch gestoppt, indem man beim Fixkostenzuschuss eine starre Vorjahresbetrachtung anlegt? Das verhindert jede Neueröffnung im Land. Alle Betriebe mit Lockdown-bedingten Umsatzeinbußen sollten entsprechend gestützt werden, ob es in das Schema passt oder nicht, es geht um Arbeitsplätze. Weg mit groben Umsatzstufen und den starren Ober- und Untergrenzen“, fordert Will.

Sollte tatsächlich auf den von der EU vorgesehenen Verlustausgleich verzichtet werden, der für die Wirtschaft essentiell wäre, dann muss der neue Fixkostenzuschuss „Prozent für Prozent“ an Umsatzausfall für die Firmen aufkommen. Die Einschränkung, auf ein Instrument bewusst zu verzichten, welches die Treffsicherheit für die Betroffenen sichergestellt hätte, ist jedoch kaum argumentierbar. Unternehmen anderer EU-Länder, die teilweise mit den österreichischen Firmen im Wettbewerb stehen, werden auf den Verlustausgleich zurückgreifen, daher ist die praxisnahe Ausgestaltung – im neunten Monat der Krise – entscheidend, um den Winter zu bewältigen.

Die Zeit drängt, denn egal ob Einpersonenunternehmen (EPU), Mittelständler (KMU) oder Konzern: Die nervliche Belastung ist den Arbeitgebern und Arbeitnehmern nicht mehr länger zumutbar. Die doppelten Gehälter („Weihnachtsgeld“) sind in den kommenden Tagen aufzustellen. Um die Arbeitsplätze zu schützen, muss das Geld jetzt mit jener Selbstverständlichkeit fließen, mit der man auch aus verständlichen Gründen in die Erwerbsfreiheit eingegriffen hat – und sowohl direkt als auch indirekt betroffene Leidtragende erzeugt hat.