TechCrunchDisrupt 2020: Virtuelles Speeddating für Startups

23.September 2020

Kürzlich ging in San Francisco die US-Technologiemesse TechCrunchDisrupt zu Ende. Die knapp eine Woche dauernde Messe gilt als ein Fixstern und Showcase der US-Startupszene im Silicon Valley.

Dieses Jahr wurde im Gegenzug zu den Jahren davor auf der TechCrunchDisrupt 2020 gänzlich virtuell präsentiert und auch die Sprecher wurden nur per Videoeinschaltungen eingeblendet. Das veränderte in der kontaktintensiven Gründerszene für die Aussteller, unter ihnen auch zahlreiche heimische Unternehmen, einiges.

Die insgesamt 12 österreichischen Teilnehmer bei der Messe stammen aus allen Entwicklungsphasen und sind breit aufgestellt: die Bandbreite geht vom Routinier und Videobroadcasting-Anbieter Stryme, der seit 15 Jahren im Geschäft ist, zum Team des Industrie-Digitalisierers Senseforce, dem Geothermie-Startup Greenwell und dem Gaming-Overlay und Stream-Designer OWN3D. Viele Unternehmen jedoch kommen insbesondere aus dem Technologiebereich und bieten unterschiedliche Applikationen an – so beispielsweise die Lern-App Audvice, der Selbsttherapie-App Pocketcoach, oder die Produktphoto-App Zerolens.

Der Schwerpunkt der TechCrunchDisrupt liegt unzweifelhaft auf dem amerikanischen Raum, insbesondere der Tech-Szene um San Francisco, wo auch die schwergewichtigen US-Risikokapitalgeber ihren Sitz haben. Das belegen nicht zuletzt auch die zahlreichen hochkarätigen Gastredner, darunter Facebook Messenger-Chef Stan Chudvnosky, Bumble-CEO Whitney Wolfe Herd, Dropbox-CEO Drew Houston sowie zahlreiche Investoren aus der ersten Reihe.

TechCrunchDisrupt2020: Healthtech, Edtech, Fintech und E-Commerce 

In der Investorenaktivität gab es offenbar in den vergangenen Wochen und Monaten, dem Coronavirus zum Trotz, kaum einen Einbruch, so lautete der Tenor. Bestimmte Sektoren waren jedoch für Venture-Kapitalisten nicht zuletzt aufgrund der Pandemie besonders interessant: darunter befinden sich unter anderem Unternehmen aus den Bereichen Healthtech, Edtech, Fintech und E-Commerce. Auch der Börsenstart des Data-Warehousing-Unternehmens Snowflake war ein Thema auf der Messe. „Wir sind natürlich extrem optimistisch was Cloud Computing angeht“, meint Roelof Botha, einer der Partner des Venture-Capital-Unternehmens Sequoia Capital. „Covid hat das noch einmal beschleunigt“, so Botha. Für Sequoia würden trotz des Trends zu Enterprise-orientierten Startups nun auch wieder konsumentenorientierte Produkte und Apps mehr Gewicht im Portfolio erhalten. Trotz des wirtschaftlichen Einbruchs und der Katerstimmung bei Unternehmen gibt es also für Gründer mehr als genug Potenzial. „Veränderung begünstigt kleine, flinke Unternehmen“, so Botha. Diese könnten zudem Mitarbeiter von überall auf der Welt rekrutieren.

Österreichische Unternehmen strecken ihre Fühler aus

Auch mehrere der österreichischen Unternehmen sind kompakte Teams, und haben dennoch ihre Fühler weltweit ausgestreckt. Beim heimischen Aussteller Pocketcoach stammen nur die zwei Gründer und eine Designerin aus Österreich, alle anderen Teammitglieder des achtköpfigen Teams sind über den Globus verteilt, erklärt Manuel Kraus, einer der Gründer. Das Produkt von Pocketcoach ist eine App zur Bekämpfung von Angststörungen. Auch Benutzer, die sich möglicherweise den Gang zum Arzt nicht leisten können oder wollen, erhalten damit im Fall von Stress, Panikattacken aber auch Schlafstörungen per Smartphone eine Möglichkeit zur Selbsttherapie. Nicht unbedingt leicht ist unterdessen die Monetarisierung. „Ganz wenige Leute sind bereit, für geistige Gesundheit zu zahlen“, erklärt CEO Manuel Kraus. Das junge Team von Pocketcoach hat derzeit den Großteil der Kunden in den USA, wie Kraus bestätigt. Momentan arbeitet man an einer klinischen Studie, die die Effektivität der Therapie via App auch wissenschaftlich dokumentieren soll. Bei Pocketcoach will man in Folge vor allem mit Versicherungen und Pharmaunternehmen zusammenarbeiten.

Ähnlich schlank unterwegs ist man bei Audvice – dort hat man es ebenfalls direkt auf den US-Markt abgesehen. Das vierköpfige Team aus Salzburg hat eine Lern-App entwickelt, die es Unternehmen ermöglicht, Schulungen und Lerneinheiten als Audiodateien per Smartphone anzubieten. Damit schlägt man zwar in die Bresche von Edtech, „ist aber eigentlich ein B2B-Produkt“, wie Gründerin Sophie Bolzer erklärt. Auch beim Team von Audvice richtet man sich global aus – Grund dafür ist nicht zuletzt die oftmals deutlich zurückhaltendere Mentalität bei Kapitalgebern in Österreich, wie Bolzer erklärt. „In Österreich ticken die Uhren bei Investments anders“, meint Bolzer. Momentan feilen die Salzburger an der Skalierbarkeit ihres Produkts und waren dafür vor allem bei großen Unternehmen in Übersee auf Partnersuche. In Folge der Pandemie hat sich für die Salzburger auch einiges beschleunigt. Eines von zwei Pilotprojekten mit Unternehmen in den USA wäre wegen dem Coronavirus bereits vorgezogen worden, bestätigte die Audvice-Chefin.

Kontaktaufbau virtuell erschwert

Eine Ausstellungshalle und auch den seit dem Jahr 2016 bestehenden Österreich-Pavillon suchte man heuer auf der virtuellen TechCrunchDisrupt unterdessen vergebens. Für die Messeteilnehmer und Aussteller wurde eine virtuelle Expohalle eingerichtet, die man per App besuchen kann. Inwiefern sich der persönliche Kontakt für die kontaktintensive Gründerszene erfolgreich ins Virtuelle übersetzen lässt, ist eine Frage, die jedoch stehen bleibt. Der Mehrwert der virtuellen Ausstellungsstände hielt sich in Grenzen, wie die heimischen Startups bestätigen. „Das Vertrauen zu möglichen Investoren lässt sich virtuell deutlich schwerer aufbauen“, meint auch Georg Fürlinger, Leiter des heimischen Acceleratorprogramms „GoSiliconValley“ der Aussenwirtschaft Austria in San Francisco. Fürlinger legte den heimischen Startups nahe, bereits vor der eigentlichen Messe damit zu beginnen, das Netzwerk zu erweitern und mögliche Partner oder Interessenten zu kontaktieren.

Anders sieht es unterdessen aus, wenn man auf einer der Bühnen der TechCrunchDisrupt seine Produkte präsentieren darf. Dort ist die Medienpräsenz garantiert und die Chance Investoren zu erreichen, ein vielfaches höher. Vergangenes Jahr hatte der österreichische Faltelektroradanbieter VELLO Bike auf einer Nebenbühne sein Produkt präsentieren dürfen und konnte anschließend die Heimreise aus San Francisco bereits mit einem Distributionsdeal antreten. Heuer gab es jedoch keine Nebenbühnen sondern nur das „Startup Battlefield“, einen Pitching-Wettbewerb für Startups – dort war jedoch kein österreichisches Team vertreten. Das hochkarätige „Battlefield“ der TechCrunchDisrupt gilt unterdessen als eines der besten Sprungbretter im Silicon Valley. Für das Gewinnerstartup stehen dabei 100.000 Dollar Preisgeld auf dem Spiel und großes Medieninteresse. Es gilt, sich in sechs Minuten vor den Juroren, darunter mehreren Risikokapitalgeber, zu präsentieren – dieses Jahr, anstatt auf der Hauptbühne, ebenfalls nur per Video. Unter den Alumni des renommierten Wettbewerbs findet sich unter anderem die Online-Speicherlösung Dropbox sowie die Fitnesstrackerapp Fitbit.

Durchwachsen, aber nicht negativ

Bei den heimischen Teilnehmern ist das Resümee der virtuelle Messe durchwachsen, jedoch auch nicht negativ. Während die virtuelle Messeteilnahme deutlich kostengünstiger ausfällt als der Messebesuch in Person, kommt das zu einem Preis. Beim Linzer Startup und Mitarbeiterbefragungstool TeamEcho war man darüber enttäuscht, dass Investoren aus dem DACH-Raum sowie europäische Teilnehmer an der Messe wenig präsent waren und somit auch für Jungunternehmerinnen schwer bis nicht zugänglich. Europäer mussten nicht zuletzt aufgrund des Zeitunterschieds zur US-Westküste Nachtschichten einlegen. Mit mehreren zeitversetzten Bühnen („EU-Stage“, „Asia-Stage“) hatte man versucht, die Messe für Zuseher aus Asien und auch Europa zu öffnen, aber offenbar nur mit beschränktem Erfolg.

Für die Messe war zudem ein eigenes Tool verfügbar („CrunchMatch“), sodass Messeteilnehmer miteinander virtuelle Speed-Dates absolvieren konnten. Das jedoch würde nicht unbedingt die richtigen Parteien mit einander vernetzen, wie die heimischen Gründerinnen anmerken. Denn die Teilnehmer in den Speed-Dates wären vielfach selber Business Developer und damit möglicherweise Konkurrenten. Das heißt aber noch lange nicht, dass man vergangene Woche bei den Österreichern nicht dennoch Kontakte knüpfen konnte. So hatte etwa das Team von Pocketcoach Gespräche mit amerikanischen VCs geführt, wie Gründer Philipp Omenitsch erzählt. Auch bei Audvice hatte man „Gespräche mit einem Investor aus New York“ angebahnt, bestätigt CEO Sophie Bolzer.

Für die Gewinner des Startup Battlefields hat sich die Messeteilnahme an der heurigen TechCrunchDisrupt allenfalls rentiert. Canix, so lautet das Gewinner-Startup aus den USA, betreibt eine Plattform für Enterprise-Resource-Planning (ERP), die speziell auf Cannabis-Plantagen zugeschnitten ist. Canix war bereits Teil des berühmten Accelerators „Y Combinator“ und hatte im Mai bereits 1,5 Mio. Dollar aufgestellt. Nun gesellen sich noch weitere 100.000 Dollar dazu. (APA/red)