Das beängstigende R-Wort: Sollten wir uns über Reinfektionen Sorgen machen?

03.September 2020

Mehr als ein halbes Jahr nach Auftauchen von Sars-CoV-2 war zunächst nicht viel über mögliche erneute Ansteckungen bekannt geworden. Die wenigen Berichte zu solchen Fällen warfen bislang viele Fragen auf, wie auch die WHO schreibt. Studien, die Menschen nach einer Infektion über Jahre im Blick behalten, fehlen.

Kürzlich tauchte nun der erste dokumentierte Fall einer offenbaren Reinfektion mit SARS-CoV-2 in Hongkong auf. Einen Tag später meldeten auch Belgien und die Niederlande jeweils Reinfektionen. Ist es an der Zeit, sich über die erworbene Immunität und die Wirksamkeit des Impfstoffs Sorgen zu machen? Es gibt drei Szenarien, wie sich dies entwickeln könnte.

Szenario 1: Schlechte Tests – keine Sorge

Selbst der am weitesten fortgeschrittene PCR-Test zur Diagnose von Covid-19 ist mit einer falsch-positiven Rate von 0,08 Prozent bei weitem nicht perfekt. Da einer von 125 Tests ein falsches Positiv ergibt, ist es nicht schwer, sich ein Szenario vorzustellen, in dem jemand als reinfiziert erklärt wird, obwohl die Person in Wirklichkeit entweder noch kein Covid-19 hatte oder/und es jetzt nicht hat.

Selbst bei zwei Tests ist die Wahrscheinlichkeit eines doppelten falsch-positiven Ergebnisses mit 1 zu 15.000 Fällen immer noch groß. Die Chancen für ein dreifach falsches Positiv liegen bei 1 zu 2 Millionen. Da Millionen Menschen weltweit infiziert sind, die Falsch-Positiv-Rate manchmal bis zu 4 Prozent beträgt und es keine Möglichkeit gibt, eine vermeintliche Primärinfektion zu überprüfen, ist es ziemlich überraschend, dass wir nicht schon früher mehr „Reinfektionen“ gesehen haben.

Szenario 2: Keine Absolutheit im wirklichen Leben – keine Sorge

Die reale Welt ist chaotisch und funktioniert nicht in Absoluten. So wie es wahrscheinlich nie einen 100 Prozent wirksamen Impfstoff geben wird, ist es unvernünftig anzunehmen, dass es bei Millionen von Infizierten nicht einen kleinen Prozentsatz von Menschen geben wird, die aufgrund einer Kombination von bisher unbekannten Umweltfaktoren, Komorbiditäten und einfachem Pech keine Immunität gegen SARS-CoV-2 entwickeln werden.

Selbst bei Masern, einer Krankheit, von der bekannt ist, dass sie nach einer Infektion oder Impfung eine lebenslange Immunität hervorruft, gibt es seltene berichtete Fälle von Reinfektionen (neuere Beiträge dazu in Clinical and Vaccine Immunology und NEJM).

Szenario 3: Kurze Immunität – ein wenig Sorge

Abgesehen von dem katastrophalen Szenario einer verstärkten Reinfektion, wie es beim Dengue-Fieber beobachtet wird, wofür wir keine Indizien haben, würde der schlimmste Fall nahe legen, dass die Immunität gegen SARS-CoV-2 nur von kurzer Dauer ist (6 bis 12 Monate).

Dies bedeutet nicht automatisch, dass Impfstoffe nicht in der Lage sind, eine länger anhaltende Immunität hervorzurufen. Im Gegensatz zur Grippe scheint SARS-CoV-2 nicht viel zu mutieren, und der wahrscheinliche Grund dafür, dass die Immunität kurzlebig sein könnte, ist, dass der Körper die entsprechenden Antikörper nicht aufrechterhält. Dies impliziert, dass eine größere Dosis des Impfstoffs oder jährliche Auffrischungsimpfungen desselben Impfstoffs ausreichen könnten, um das Problem zu lösen.

In diesem Fall wird die Bekämpfung der Pandemie eher zu einem logistischen als zu einem medizinischen Problem. Im Falle von Auffrischungsimpfstoffen müssten die weltweiten Produktionskapazitäten für Impfstoffe erheblich ausgebaut werden, um jährlich 6 bis 7 Milliarden Menschen impfen zu können.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es keinen Grund zur Annahme gibt, dass die drei bisher bekannten Fälle mehr als Ausreißer sind, es sei denn, wir sehen einen massiven Anstieg von Hunderten von gemeldeten Reinfektionsfällen. Ein Ende der Pandemie und eine solide wirtschaftliche Erholung auf mittlere Sicht sind nach wie vor das wahrscheinlichste Szenario.

Der Autor Markus Auer ist Discretionary Portfolio Management bei der Erste Asset Management.