Forum Alpbach: Wie man sich auf Krisen vorbereiten kann

26.August 2020

Große Krisen lassen sich zwar prinzipiell vorhersehen, nur nicht wann sie eintreten und wie genau. „Bei der Corona-Pandemie fuhren wir in Zeitlupe gegen die Wand“, sagt Leopold Schmertzing im Rahmen des Europäischen Forum Alpbach.

Der österreichische Analyst des wissenschaftlichen Dienstes des Europäischen Parlaments will daher Strategien aufzeigen, wie Staaten resilienter werden und sich systematisch auf Krisen vorbereiten können und teilt siene Theorien am Forum Alpbach.

Grundsätzlich kann man Krisen in eine Vorbereitungs- und eine Reaktionsphase unterteilen. „In der Vorbereitungsphase auf die Pandemie ist einiges schief gegangen, gerade für Österreich und einige andere europäische Länder“, wunderte sich der Experte, der am Freitag im Rahmen des Europäischen Forum Alpbach einen Vortrag zum Thema „Wie man sich auf Krisen vorbereitet? Techniken der strategischen Vorausplanung“ hält, im Gespräch mit der APA. „Ich bin überrascht von der fehlenden Vorbereitung, weil das nicht schwer vorherzusehen war. Das ist ein Bereich, wo wir sehr viele Daten haben, und wo wir wissen, es gibt viele unterschiedlichen Viren mit verschiedenen Charakteristiken, Ansteckungsraten und Inkubationszeiten.“

Angesichts vieler guter Experten auf diesem Gebiet sei das schmerzhaft – „da scheint etwas in der Verbindung zwischen Expertise und Politik nicht geklappt zu haben“. Die Reaktionszeit der österreichischen Bundesregierung, als sich das Virus drohte stark auszubreiten, sei hingegen sehr gut gewesen, betont Schmertzing.

Gerade bei häufig wiederkehrenden Krisen wie Waldbränden habe man in den vergangenen Jahren gesehen, wie rasch Länder beim Zivil- und Katastrophenschutz an ihre Kapazitätsgrenzen kommen. Das wiederum könne dazu führen, dass Staaten ihre Ressourcen für sich behalten und anderen nicht mehr aushelfen wollen oder können. In der Coronakrise zeigte sich das beispielsweise in dem weltweiten Gerangel um Schutzkleidung und -masken. Im Rahmen des nächsten EU-Budgets und dem Corona-Aufbauplan will die EU-Kommission daher ihre Kapazitäten für das Krisenmanagement aufstocken und mehr Unabhängigkeit erlangen.

Erweitertes EU-Budget vorgeschlagen

Zählte man bisher auf die Solidarität der EU-Länder und freiwillige Hilfsangebote, sollen nun strategische Reserven angelegt werden, die im Falle von Katastrophen aller Art rasch mobilisiert werden können. So sind im aktuellen Vorschlag der EU-Kommission für ein erweitertes EU-Budget 2021-2027 in Höhe von 1,1 Billionen Euro und den 750 Mrd. Euro schweren Aufbaufonds „Next Generation EU“ zur Bewältigung der Folgen der Coronakrise auch 3,1 Mrd. Euro für den Zivilschutzmechanismus „RescEU“ vorgesehen, wobei auch die Lagerkapazitäten erhöht werden sollen.

All diese Maßnahmen seien wichtig und gut, findet Schmertzing. Optimierungsbedarf bestehe aber vor allem auf der strategischen Seite – etwa bedürfe es noch einer zentralen Krisenkoordinationsinstanz, die vorausschauend plant und auf wissenschaftliche Expertise setzt. Hier kommt „Foresight“ ins Spiel, das systematische Nachdenken über langfristige Entwicklungen.

Szenarien und Prognosen zu entwerfen sei aber beileibe keine einheitliche Wissenschaft, schon weil es keine empirischen Daten über die Zukunft gibt, so der Experte: „Im Bereich Foresight gibt es eine irrsinnige Methodenvielfalt und verschiedenste Schulen mit unterschiedlichen epistemologischen Grundsätzen.“ Eine gewisse Übereinkunft herrsche aber darin, dass Projektionen ab einer gewissen Unsicherheitsgröße nicht mehr funktionieren: „Wenn man es dann trotzdem macht, wiegt man Entscheidungsträger in falschen Sicherheiten, weil man es nie schaffen kann, ihnen alle damit verbundenen Annahmen zu erklären.“

Antizipieren von Entwicklungen umstritten

Das Antizipieren von Entwicklungen sei zwar in Demokratien durchaus umstritten, weil Zukunftsvisionen oft eher mit Diktaturen und Planwirtschaft assoziiert würden, der Staat habe heute aber gar keine andere Wahl mehr als in die Zukunft gerichtetes „Horizon Scanning“ zu betreiben, so Schmertzing. Mit der reinen Extrapolation von Daten aus der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft sei es dabei nicht getan, das würden schon die seit Jahrzehnten fehlerhaften Prognosen über die Ölvorräte und -märkte zeigen.

Deshalb müsse eine Hochrechnung im Vorfeld immer mit der Frage „Was ist, wenn…?“ kombiniert und Teil eines kreativen Prozesses sein. „Es muss Experten-, aber auch Gruppenmeinungen geben und systematisches Nachdenken. Die Extrapolation von Daten kann schon etwas bringen, aber das muss wirklich in einen Kontext gesetzt werden.“

Foresight sei deshalb nie „einfach nur Futurologie“, sondern eine Methodik, bei der man vom Extrapolieren weggeht und untersucht, wie man effizienter und kompetenter über die Zukunft nachdenken kann, „so dass wir nicht die ganze Zeit in falscher Sicherheit in die nächste Katastrophe rennen“. Vor diesem Hintergrund bräuchte eine staatliche Krisenvorsorge sowohl eine quantitative Untersuchung über die Wahrscheinlichkeit und die Auswirkungen von Desastern, als auch das Nachdenken über neue Probleme und außergewöhnliche Ereignisse.

Der Staat solle dafür ebenso finanzielles wie auch geistiges Kapital investieren und dabei durchaus auch auf die Schwarmintelligenz seiner Bürger oder seiner Beamtenschaft setzen. Entscheidend dabei sei die Steuerung und systematische Planung, sagt Schmertzing: „All das sollte durch ein Kompetenzzentrum geleitet werden, das behördlich aufgestellt ist, aber eng mit der Wissenschaft und anderen Teilen des Staats und der Gesellschaft arbeitet. Dieses soll modular aufgebaut sein und im Krisenfall leicht zu vergrößern sein. (APA/red)