Die Coronakrise trifft Frauen härter

05.Juni 2020

Die Coronakrise mit all ihren Veränderungen im Arbeits- und Bildungsumfeld hat die oftmals schwierige Situation von Frauen aufgezeigt. Das Zurückfallen in alte Muster und Ungerechtigkeiten ist für die Gleichstellung von Frauen und Männern am Arbeitsmarkt und damit für Wirtschaft und Gesellschaft ein großes Problem. Der Verein ABZ*AUSTRIA fordert gezielte Maßnahmen gegen die Verstärkung und Ausweitung von Ungleichheiten am Arbeitsmarkt und in der Bildung.

In Haushalten mit Kindern bis 15 Jahren und Home Office kümmerten sich bis dato 45 Prozent der Frauen alleine um das Home Schooling, in 34 Prozent der Haushalte waren beide zuständig, in 7 Prozent die Männer, bei 14 Prozent keiner oder jemand anders. Zu den Belastungen kommt dann auch noch, dass die Attribute der Home Office tendenziell bei den Männern liegen. Ungestörtes Arbeiten, ein eigener Schreibtisch, ein Laptop oder PC bzw. das notwendige technische Equipment ist für Frauen oft nicht verfügbar bzw. leistbar. Das kann nicht funktionieren, wenn Frauen gerade in der Ausbildung sind, einem Job nachgehen oder nächste Karriere-Schritte machen wollen.

„Wir müssen gerade jetzt stark darauf achten, dass Frauen durch den starken Druck der Doppel- und Dreifachbelastungen nicht den Anschluss im Job verlieren“, sagt Manuela Vollmann, Geschäftsführerin von ABZ*AUSTRIA, ein Non-Profit-Unternehmen für Gleichstellung am Arbeitsmarkt und in der Wirtschaft. Aus der Praxis kann Vollmann sagen, dass zurzeit eine gleichberechtigte Teilhabe an Bildung schwierig ist. „Die Frauen berichten uns, dass der einzig verfügbare Laptop von den Kindern oder dem Partner benötigt wird und sie auf Grund der Mehrfachbelastungen keine Zeit mehr zum Lernen haben.“ Frauen in Ausbildungen verlieren den Zugang zu Bildung in einer Zeit, wo vor allem online informiert und gelernt wird. „Wir haben auch viele Frauen, die gerade die Möglichkeiten hätten, einen Job zu bekommen, da sie Ausbildungen absolviert haben, die wie z.B. Lagerlogistik sehr stark nachgefragt werden, aber auf Grund mangelnder Vereinbarkeitsmöglichkeiten, diese Jobs nicht annehmen können“, berichtet Vollmann weiter.

Ausgeglichene Aufteilung der Fördermittel

Vollmann kennt aber nicht nur die belastende Situation, sondern weiß auch, worauf es jetzt ankommt, damit Frauen in Sachen Berufstätigkeit nicht in finanzielle Abhängigkeiten und prekäre Lebenssituationen zurückfallen, an dieser Stelle sieht Sie auch Möglichkeiten für Bundesministerin Christine Aschbacher strukturell einzugreifen. „Solange die Benachteiligungen von Frauen am Arbeitsmarkt gegeben sind, müssen wir im Rahmen einer aktuellen Arbeitsmarktpolitik mindestens 50 Prozent der Fördermittel des Arbeitsmarktservices für Frauen aufwenden“, erläutert die Geschäftsführerin von ABZ*AUSTRIA. „Es braucht die Aufrechterhaltung dieser Budgetzuteilung und eine begleitende Wirkungsanalyse zur Verteilung dieser Fördermittel und es braucht die gezielte Förderung und den Ausbau von arbeitsmarktpolitischen Programmen im Bereich Frauenförderung“, so Vollmann weiter.

„Um die Teilhabe an Bildung nicht auszuschließen, brauchen wir in einem ersten Schritt mindestens 1.000 Laptops, die wir Frauen in Ausbildung zur Verfügung stellen können“, so Vollmann. Die Bildungslandschaft verändert sich, distance learning ist nicht erst seit Covid-19 ein Thema, wurde aber durch die aktuelle Krise stark beschleunigt und ist einer der Trends, die uns auch zukünftig erhalten bleiben werden. Neben dieser Art von Spontanhilfe muss man auch weitreichendere strukturelle Änderungen angehen. „Ein freiwilliges technisches Jahr für Frauen in Anlehnung an das bestehende Modell des freiwilligen sozialen Jahres kann den Zugang zu technischen Berufen ermöglichen und die Frauenquote in technischen Branchen erhöhen“, schlägt Vollmann vor.

Modell „Familienarbeitszeit“

Außerdem ist ihr die Neuverteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit ein großes Anliegen, um stereotype Rollenbilder aufzubrechen und Frauen ein existenzsicherndes Einkommen und Karriere zu ermöglichen. Eine Erwerbsunterbrechung aufgrund von Kindern ist leider immer noch ein zentraler Einflussfaktor für die weitere berufliche Laufbahn einer Frau. Es braucht einen politischen Rahmen, der eine partnerschaftliche Aufteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit deutlich stärker unterstützt. ABZ*AUSTRIA schlägt ein Modell einer Familienarbeitszeit von 30/30 vor, in dem beide Eltern auf 30 Wochenstunden bei teilweisem Lohnausgleich reduzieren. „Nur wenn beide Elternteile in dieser Lebensphase Erwerbsarbeitszeit reduzieren, wenn es „normal“ wird für Unternehmen, dass auch Männer diese Zeiten in Anspruch nehmen, wird eine Verschiebung von Verantwortlichkeiten und ein größere Selbstverständlichkeit von Frauenkarrieren gelingen“, ist Vollmann überzeugt.

In jedem Fall fehlt oft die weibliche Perspektive. „Es darf kein Konjunkturpaket ohne Gleichstellungsimpact geben und auch durch die Krise beschleunigte Entwicklungen wie z.B. Home Office Möglichkeiten müssen mit dem Blick auf gleiche Möglichkeiten und Chancen für Frauen und Männer geprüft und entwickelt werden“, so Vollmann abschließend.

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