Start-ups in Deutschland: Geldregen aus dem Ausland

16.Januar 2020

Gründer in Deutschland erleben einen Investitionsboom. 2019 sammelten deutsche Start-ups so viel Kapital von Investoren ein wie nie zuvor. Sie erhielten üppige Summen für Geschäftsideen wie Mobilitätsdienste, Softwarelösungen und Finanz-Apps.

Vor allem internationale Investoren steckten viel Geld in deutsche Start-ups, wie eine neue Studie der Beratungsgesellschaft EY zeigt.

Kapital kommt aus dem Ausland

Die Schattenseite: Deutsche Kapitalgeber spielten bei den großen Deals kaum eine Rolle. Wollen Gründer expandieren, sind sie gefährlich stark von ausländischen Geldquellen abhängig. 2019 erhielten deutsche Start-ups 6,2 Mrd. Euro von Investoren, heißt es in der EY-Studie. Das waren nochmals 36 Prozent mehr als der bisherige Höchststand im Jahr zuvor (4,6 Mrd. Euro). Auch die Zahl der Finanzierungsrunden stieg kräftig um 13 Prozent auf 704.

13 Geldspritzen übers Jahr

„Der Finanzierungsboom hält unvermindert an“, sagte Hubert Barth, Vorsitzender der EY-Geschäftsführung in Deutschland. 2019 habe es 13 Deals mit über 100 Mio. Euro gegeben, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Am meisten Geld floss demnach in die Münchner Firma Flixmobility, die für ihre Fernbusse bekannt ist, das Berliner Reise-Start-up GetYourGuide, die Gebrauchtwagenplattform Frontier Car Group und die von Österreichern gegründete Smartphone-Bank N26 mit Sitz in Berlin.

Expansion als Überlebensstrategie

Für Start-ups sind die Geldspritzen oft überlebenswichtig: Die Firmen sind für ihre Expansion auf Investoren angewiesen, da sie in der Regel anfangs keinen Gewinn schreiben. Gerade angelsächsische Fonds stecken Wagniskapital in Start-ups in der Hoffnung, dass sich deren Geschäftsideen durchsetzen und ihnen üppige Profite bescheren.

Start-ups als Ideengeber für Konzerne

Längst suchen auch Konzerne die Nähe zu Gründern. Ob die Deutsche Bank mit Digitalfabriken, das Lab1886 von Daimler oder die Allianz mit ihrem Investmentableger Allianz X – alle wollen von frischen Ideen profitieren und sich als attraktiv für Fachkräfte darstellen.

Berlin saugt Gründerszene ab

Doch trotz des Hypes um Start-ups bleiben Schwächen am Standort Deutschland. So kommt nach der Gründerhochburg Berlin lange nichts. Die Start-ups in der Hauptstadt sammelten 2019 alleine rund 3,7 Mrd. Euro ein, knapp 60 Prozent aller deutschlandweit verteilten Gelder. Weitere gut 1,5 Mrd. entfielen auf Bayern mit dem Zentrum München, das laut EY stark aufgeholt hat. Die übrigen Bundesländer bleiben ein steiniges Pflaster für Gründer.

Großfinanzierungen auch in Deutschland rar

Und wenn diese Kapital brauchen, kommen sie zwar schnell an kleine Summen. Doch dann wird es dünn. „Hierzulande gibt es kaum Adressen, die Finanzierungen über 50 Mio. Euro anbieten“, sagt Peter Barkow, Gründer des Analysehauses Barkow Consulting. Dazu zählen die Start-up-Schmiede Rocket Internet und Konzerne wie Allianz. „Die großen Tickets kommen fast immer aus dem Ausland, vor allem den USA.“

Angelsächsische und asiatische Großfonds

Das zeigt sich auch bei den größten Deals 2019: Bei der Finanzierungsrunde von Flixmobility über rund 500 Mio. Euro stiegen die angelsächsischen Investoren TCV und Permira neu ein. Die Reiseplattform GetyourGuide erhielt 428 Mio. Euro von einem Konsortium um den japanischen Medienkonzern Softbank, Singapurs Staatsfonds Temasek und ausländischen Beteiligungsfonds. Die Smartphone-Bank N26, in die auch die Allianz investiert hat, bekam 261 Mio. von dem Investmentfonds GIC aus Singapur und dem US-Wagniskapitalfonds Insight Venture Partners.

„Jungs mit tiefen Taschen“ fehlen

Die weitgehende Abwesenheit heimischer Namen liegt auch daran, dass es in Deutschland an Erfolgsgeschichten mangelt, meint Barkow. Etwa Tech-Milliardäre wie Paypal-Gründer Peter Thiel, die ihren Reichtum in Start-ups investieren. „In Deutschland fehlen die Jungs mit den tiefen Taschen.“ So sind bei hiesigen Start-ups oft ausländische Investoren tonangebend – mit der Gefahr, dass Technologie abwandert.

Suche nach großen Börsenplätzen

Und auch wenn Start-ups später an die Börse streben, tun sie es selten in Deutschland. Aufstrebende Gründer zieht es oft nach New York, wie im Oktober das Mainzer Start-up BioNTech an die Tech-Börse Nasdaq. „Deutschland hat bei Börsengängen von Start-ups einen schlechten Ruf“, sagt Barkow. „Es bräuchte eins, das richtig fliegt.“ (APA)