Konjunktur 2020: Drei Szenarien der Wirtschaftsentwicklung

17.Oktober 2019

Das Wachstum der Weltwirtschaft befindet sich an einem kritischen Punkt: Erste AM Chef-Volkswirt Gerhard Winzer zieht Bilanz für den Rest des Jahres und gibt einen Ausblick für die Wirtschaftsentwicklung 2020.

Das Wachstum der Weltwirtschaft befindet sich an einem kritischen Punkt. Das reale Wirtschaftswachstum hat sich seit einigen Quartalen abgeschwächt. Wie immer zeichnen die Frühindikatoren für die weitere Entwicklung ein gemischtes Bild. Drei Szenarien sollen die Entwicklungen für den Rest des Jahres sowie für 2020 beschreiben.

Aktuelles Umfeld: Wirtschaftswachstum unter dem Potential

Auf der negativen Seite ist der konjunkturelle Abschwung gekennzeichnet von einer scharfen Abwärtsbewegung bei den Wachstumsraten für den Fertigungssektor / den Güterexporten und den Unternehmensgewinnen sowie einem Einbruch bei der Unternehmensstimmung. Begleitet wurde diese Entwicklung von einer erhöhten geopolitischen Unsicherheit (USA-China Konflikt).
Auf der positiven Seite hat der gut laufende Servicesektor / der private Konsum das Wirtschaftswachstum in vielen Teilen der Welt unterstützt. Es können zwar negative Überwälzungseffekte vom schwachen Fertigungssektor auf die anderen Sektoren festgestellt werden, diese sind aber nur moderat. Hier ist vor allem der Arbeitsmarkt hervorzuheben. Das Beschäftigungswachstum ist zwar nicht mehr so hoch wie im vergangenen Jahr, aber immer noch gut genug, um die Arbeitslosenraten auf einem niedrigen Niveau zu halten.
Die globale Geldpolitik hat, geführt von der US-amerikanischen Zentralbank, auf diese Eintrübung der Konjunktur mit Lockerungsschritten geantwortet. Das Besondere an dieser Situation ist, dass das Zinsniveau bereits sehr niedrig ist. Aber auch die weltweite Fiskalpolitik wirkt bereits mild unterstützend auf das Wirtschaftswachstum.

Szenario 1: Erholung bei stabilisierter Industrieproduktion

Es findet eine leichte Beschleunigung beim realen globalen Wirtschaftswachstum von 2,0 Prozent – 2,3 Prozent im zweiten Halbjahr 2019 auf das Potenzialwachstum im nächsten Jahr statt (2,7 Prozent-3.0 Prozent, Wachstum im Quartalsabstand auf das Jahr hochgerechnet). Dafür ist erstens eine Stabilisierung der Industrieproduktion nötig. Tatsächlich ist der globale Einkaufsmanagerindex für den Fertigungssektor zuletzt zweimal in Folge angestiegen. Zweitens wird ein kosmetisches Abkommen zwischen den USA und China erreicht und es kommt zu einer Einigung zwischen dem UK und der EU über den Brexit. Drittens findet eine Stabilisierung beim rückläufigen Beschäftigungswachstum statt. Damit bleibt der private Konsum gut unterstützt. Viertens war die expansivere Ausgestaltung der Geldpolitiken ausreichend, um eine positive Auswirkung auf das Wirtschaftswachstum zu haben.
Wesentlich für die Finanzmärkte ist, dass

  • das Gewinnwachstum der Unternehmen ansteigt. Das bedeutet, der einsetzende Anstieg beim Umsatzwachstum ist kräftiger als die Fortsetzung beim ansteigenden Wachstum der Lohnstückkosten.
  • Das beschleunigte Gewinnwachstum wirkt stärker als der mit dem Szenario einhergehende Zinsanstieg.

In diesem Szenario verzeichnen kreditsichere Staatsanleihen Kursverluste und Aktien Kursanstiege. Die Modellschätzung für US-Staatsanleihen lautet minus zwei Prozent, jene für globale Aktien auf plus vier Prozent.

Szenario 2: Rezession bei schrumpfenden Investitionen

Die Industrieproduktion und die Unternehmensinvestitionen schrumpfen und ziehen die anderen Sektoren, vor allem den Arbeitsmarkt, mit nach unten. Das ansteigende Wachstum der Lohnstückkosten sorgt für schrumpfende Unternehmensgewinne. Eine Intensivierung im Konflikt zwischen den USA und China würde den Abschwung noch verstärken. Weil die Leitzinsen bereits sehr niedrig sind, kann die Geldpolitik nicht mehr dementsprechend entgegensteuern. Die Fiskalpolitiken reagieren, wenn überhaupt, zu spät auf den Abschwung mit einer Ausweitung der Budgetdefizite. Dieses Szenario ist positiv für kreditsichere Staatsanleihen und negativ für risikobehaftete Wertpapierklassen wie etwa Aktien.

Das gilt allerdings nur für Anleihen, deren Rendite noch hoch genug ist, um Renditerückgänge zuzulassen, das heißt, nicht für Staatsanleihen in der Eurozone und in Japan. Die Modellschätzung für US-Staatsanleihen lautet plus sieben Prozent, jene für globale Aktien minus zwölf Prozent.

Szenario 3: Stagnation bei erhöhten Staatsinvestitionen

Dieses Szenario ist von einer kuriosen Situation charakterisiert: Das Zinsniveau ist zwar sehr niedrig, aber immer noch zu hoch um die Wirtschaft zu stimulieren. Die Zinsen können nicht weiter fallen weil sie an die sogenannte effektive Zinsuntergrenze anstoßen. Die Geldpolitik kann keinen relevanten Stimulus mehr erzeugen. Das Wirtschaftswachstum bleibt unter dem Potential und die Arbeitslosenraten steigen auf ein erhöhtes Niveau an. Weil die Volkswirtschaften offen sind, das heißt mit anderen Volkswirtschaften über Handels- und Finanzströme im Austausch stehen, können auch andere Länder in diese Situation hineingezogen werden. Der Wirkungsmechanismus passiert vor allem über Finanzzuflüsse, die eine Festigung der Währung und fallenden Zinsen verursachen. Wirft man einen Blick auf Festigung des US-Dollar und die fallenden Renditen von US-amerikanischen Staatsanleihen, kommt einem das bekannt vor.
Um aus dieser „Zinsfalle“ herauszukommen liegt der Druck auf die Fiskalpolitik. Es wäre eine massive Ausweitung der Budgetdefizite für staatlich finanzierte Investitionen nötig. Wen das nicht geschieht, bleibt das Wirtschaftswachstum für eine längere Zeit niedrig. Man spricht von einer säkularen Stagnation. Auch dieses Szenario ist positiv für Staatsanleihen und negativ für risikobehaftete Wertpapierklassen, allerdings nicht zu ausgeprägt wie im Szenario für eine Rezession. Natürlich gilt das nur für Anleihen, die eine positive Rendite versprechen. Die Modellschätzung für US-Staatsanleihen lautet plus 2,5 Prozent, jene für globale Aktien minus vier Prozent.

 

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