Medizintechnik: Warum Digitalisierungs-Technologien kaum genutzt werden

12.August 2019

Die Digitalisierung setzt Medizintechnik-Unternehmen zunehmend unter Druck. Die Konkurrenz durch Technologiefirmen wird immer stärker, heißt es in einer Studie des Beratungsunternehmens EY Deutschland. Die Chancen der Datenanalyse werden nicht genutzt.

Die Medizintechnikbranche in den USA und Europa ist im Umbruch begriffen: Digitale Technologien und neue Konkurrenz durch Technologieunternehmen beflügeln die Phantasie an den Finanzmärkten. So wurde zwischen Juli 2017 und Juni 2018 ins Summe 28 Börsengänge in der Branche durchgeführt. Dabei wurde der höchste Betrag der vergangenen zehn Jahre erlöst: 6,6 Milliarden Dollar. Das sind Ergebnisse des „Medizintechnik-Reports 2018“ der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY (Ernst & Young).

Hohe Private Equity-Investitionen

Start-ups erhielten zudem den zweithöchsten Betrag an Venture Capital seit der erstmaligen Erfassung der Daten 2008/2009. Zwischen Juli 2017 und Juni 2018 sammelten sie 8,2 Milliarden US-Dollar ein. Nur im Vorjahreszeitraum lagen die Mittelzuflüsse mit 8,3 Milliarden US-Dollar leicht höher.

Wachsende Umsätze

Der leichte Aufwärtstrend der Branche schlägt sich auch in den Bilanzkennzahlen nieder: Die Medizintechnik-Unternehmen in den USA und Europa konnten 2017 ihren Umsatz erneut um 4,3 Prozent auf 379,1 Milliarden US-Dollar steigern. Damit setzten sie ihren Erholungskurs fort: 2016 erzielten sie sogar ein Wachstum von fünf Prozent, nachdem es im Jahr zuvor einen Rückgang gegeben hatte.

Akquisitionen belasten Bilanzen

Allerdings belasteten die hohen Ausgaben für Konsolidierung und Neuaufstellung die Bilanzen – darunter Sondereffekte wie die 25 Milliarden US-Dollar schwere Übernahme von St. Jude Medical durch Abbott oder hohe Einmalkosten bei Dentsply und Medtronic: Der Nettogewinn sank um 7,2 Prozent auf 14,9 Milliarden US-Dollar.

Ausgaben für F+E gehen zurück

Die Fusionen und Übernahmen sanken ebenfalls deutlich: Das Dealvolumen zwischen Juli 2017 und Juni 2018 brach um 56 Prozent auf 44,1 Milliarden US-Dollar gegenüber dem Vorjahreszeitraum ein. In diesem Zeitraum gab es nicht einen Megadeal über zehn Milliarden US-Dollar. Immerhin: Lässt man die Megadeals außer Acht, liegt der Rückgang nur noch bei 14 Prozent. Und bei den sogenannten Pure-Plays – also den reinen Medtech-Unternehmen – gingen im vergangenen Jahr die Ausgaben für Forschung und Entwicklung um 0,4 Prozent auf 15,9 Prozent zurück.

Kurzfristige Innvovationsziele

EY beobachtet dennoch eine nach wie vor hohe Bereitschaft der Branche zu Fusionen und Übernahmen. Allerdings haben die Medizintechnik-Unternehmen eher Investitionen in die nahe Zukunft im Fokus – sie passen ihr Portfolio an und konzentrieren sich auf einzelne Therapiefelder. Echte Innovation sei  heute selten.

Digitalisierung wird zu wenig genützt

Dabei stehen der Branche derzeit Megathemen ins Haus: Datenplattformen und Analysetools erlauben in Zukunft sehr viel individuellere und auch effizientere Behandlungsmethoden. Das Know-how dazu ist in vielen Medizintechnik-Unternehmen nicht ausreichend vorhanden.

Technologiefirmen bringen höhere Innovationsbereitschaft

Doch im Vergleich zu den großen Technologiefirmen, die ebenfalls in die Branche vordringen, fehlt Medizintechnik-Unternehmen häufig die Feuerkraft, also die nötigen finanziellen Mittel für Fusionen und Übernahmen. So stehen den neuen Wettbewerbern aus der Technologiebranche für Fusionen und Übernahmen liquide Mittel von rund 1,88 Billionen US-Dollar zur Verfügung. Konzerne mit Medizintechniksparte verfügen im Vergleich dazu nur über eine Feuerkraft von 602,8 Milliarden US-Dollar und Pure-Plays – also reine Medtech-Konzerne – kommen auf Mittel in einer Gesamthöhe von 388,5 Milliarden US-Dollar.

Datenbasierte Geschäftsmodelle

„Medtech-Unternehmen müssen sich die Frage stellen, wie sie vom traditionellen Geschäft mit dem Verkauf von Geräten und Tests hin zu datenbasierten Geschäftsmodellen kommen“, so die ERY-Studie. „Sie haben gegenüber den neuen Konkurrenten den Vorteil, dass sie Gesundheitsstandards genau kennen und wissen, wie sie diese einhalten können. Wenn es Technologiefirmen aber gelingt, die strengen Maßstäbe im Gesundheitssektor zu erfüllen, werden sie mit ihrer Technikkompetenz zur gefährlichen Konkurrenz.“

Auswertungen schlagen Geräteverkauf

Die Branche stehe vor einem Wandel: Statt Produkten müsse sie Therapie-Ergebnisse verkaufen. Denn Unternehmen werden künftig plattformbasierte Lösungen anbieten: Geräte sind dann nur noch ein Teil der Lösung, Datenauswertungen und Analysetools werden mindestens ebenso wichtig. Mithilfe von Big-Data-Auswertungen und künstlicher Intelligenz sei viel zielgenauere und effektivere Behandlungen möglich.

Deutsche Unternehmen investierten deutlich mehr in F+E

Der Umsatz der deutschen Medizintechnikbranche stieg um drei Prozent auf 33,4 Milliarden US-Dollar. Dabei investieren die deutschen Unternehmen gegen den Branchentrend deutlich mehr in Forschung und Entwicklung als ihre Mitbewerber: Sie wendeten im Jahr 2017 mit 200 Millionen US-Dollar doppelt so viel Geld für ihre Forschung und Entwicklung auf wie im Vorjahr. Gleichzeitig hielten sie den Rückgang ihres Nettogewinns verglichen mit der internationalen Konkurrenz mit einem Minus von vier Prozent auf 200 Millionen US-Dollar in Grenzen.

 

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