Mehr Wintergerste und Mais: Bauern reagieren auf den Klimawandel

07.August 2019

Verschiebungen bei den Anbauflächen zeigen, wie die Bauern auf den Klimawandel reagieren. Die Getreide-Flächenverteilung ändert sich. Trockenresistente Wintergerste, Mais und Soja werden verstärkt angebaut.

Die heurige Getreideernte wird von der Agrarmarkt Austria (AMA) heuer ohne Mais auf rund 2,9 Millionen Tonnen geschätzt. Das sind um 10 Prozent mehr als voriges Jahr.  Inklusive Mais erreicht die Prognose 5 Millionen Tonnen, ein Plus von 6 Prozent gegenüber 2018.

Heuer endlich wieder im Durchschnitt

„Wir erreichen nach zwei trockenheitsbedingt geringen Ernten wieder eine Erntemenge auf Durchschnittsniveau. Die Qualitäten sind gut“, sagte AMA-Vorstandschef Günter Griesmayr vor Journalisten in Wien. Bei einem wachsenden Inlandsverbrauch verringere sich der Importnettobedarf heuer leicht vom hohen Niveau des Vorjahres auf eine Million Tonnen.

Es war knapp

Nicht zuletzt klimawandelbedingt habe es zum Teil große Verschiebungen bei den Anbauflächen verschiedener Kulturen gegeben. „Die Witterung hat schließlich oft eher an Palermo erinnert als an St. Pölten“, sagte Griesmayr. Dafür ist man heuer offenbar wirklich gut davongekommen. Der kühle, nasse Mai hat die Getreideernte nämlich gerettet. April und Juni waren zu trocken und heiß. Hätte es nur kleine Unterschiede beim Wetter gegeben, wäre eine Katastrophe für die Getreidebauern nahe gewesen, sagte AMA-Verwaltungsratschef und Landwirtschaftskammer-Wien-Präsident Franz Windisch: „Wären der Mai und der April witterungsmäßig vertauscht gewesen, wäre nur Stroh geerntet worden. Ende April sind wir auf die Wasserversorgung bezogen mit dem Rücken zur Wand gestanden.“

Landwirte reagieren auf den Klimawandel

Die Verschiebungen innerhalb der Getreideanbauflächen verdeutlichen eine Reaktion der Landwirte auf die immer häufiger auftretenden Trockenheitsphasen im Ackerbau. Wintergerste konnte in den trockenen Vorjahren und auch heuer durch die Ausnutzung der Winterfeuchtigkeit und die früheste Abreife aller Getreidearten (Juni) trotz Trockenheit gute Erträge erzielen. Demnach weiteten die Landwirte 2019 die Fläche deutlich aus (+8.876 ha), wodurch ein neuer Rekordwert erreicht wurde. Körnermais kann durch die Ausnutzung der insgesamt langen Vegetationszeit (Frühjahr bis Herbst) ebenfalls in trockenen Jahren durch hohe Erträge und generell als die Ackerkultur mit dem höchsten Kornertrag pro Hektar punkten. Die Fläche wurde um 8.777 ha zum Vorjahr ausgedehnt. Die historisch kleinste Sommergerstenfläche aus dem Vorjahr wurde aufgrund geringer Hektarerträge und unzureichender Braugerstenqualität noch einmal deutlich (-10.909 ha) reduziert. Neben der Reaktion auf den Klimawandel ist die verstärkte Marktorientierung der landwirtschaftlichen Betriebe aus den Flächenverschiebungen abzuleiten.

Körnermais kann durch die Ausnutzung der langen Vegetationszeit von Frühjahr bis Herbst in trockenen Jahren gut überleben. @ Maret Hosemann/pixelio.de

Weizen verliert an wirtschaftlicher Attraktivität

Die bedeutendste Kultur Weichweizen schrumpfte mangels preislicher Attraktivität noch einmal deutlich (-10.011 ha) auf ihre historisch kleinste Fläche. Hartweizen zählt mit einem Minus von -5.202 Hektar ebenfalls zu den großen Verlierern der Flächenverschiebungen unter den Getreidearten. Die preisliche Entwicklung dieser – für die Teigwarenherstellung verwendeten – Getreideart kann als Hauptgrund für die Flächenreduktion angeführt werden. Vor allem die Sommerhartweizenfläche schrumpfte und ist mittlerweile erstmals kleiner als die Winterhartweizenfläche. Roggen (+2.957 ha) und Triticale (+3.141 ha) wurden zum Vorjahr vermehrt ausgesät, wobei deren Ausdehnung zur Hälfte auf den Bio-Flächen vollzogen wurde.

Zuckerrübenfläche reduziert – Sojafläche im Aufwärtstrend

Das massive Auftreten des Derbrüsslers zwang die Landwirte im Vorjahr fast ein Drittel der Zuckerrübenfläche umzubrechen.

  • Heuer wurden trotz umfangreicher Maßnahmen der Landwirtschaft zur Erhaltung des Zuckerrübenanbaus in Österreich die Flächen vom Negativrekord des Vorjahres weiter deutlich verkleinert (-3.540 ha).
  • Die Sojabohnenfläche ist entsprechend dem mehrjährigen Aufwärtstrend mit der diesjährigen Zunahme von rund 1.584 ha die bereits viertgrößte Kultur auf unseren Äckern. Österreich ist nach Italien, Rumänien, Frankreich und Kroatien der fünftgrößte Sojaproduzent aller 28 EU-Mitgliedstaaten.
  • Ölraps, die bedeutendste heimische Quelle für Pflanzenöl, sinkt (-4.561 ha) durch klimawandelbedingt steigenden Schädlingsdruck und niedrige Preise auf das geringste Ausmaß seit 13 Jahren.
  • Die Sonnenblumenfläche bleibt mit einem kleinen Minus (-250 ha) auf Vorjahresniveau, während der Öl- und Speisekürbis seine Fläche geringfügig ausdehnen kann (+1.839 ha).

Bio-Ackerfläche auf Rekordniveau

Die biologisch bewirtschaftete Ackerfläche nahm um 29.641 ha zum Vorjahr zu und erreichte somit abermals einen neuen Flächenrekord. Der Bio-Anteil an der Gesamtackerfläche steigt dadurch auf 20 %. Die hohen Bio-Zunahmen in den Vorjahren (+10.359 ha in 2018, +22.214 ha in 2017) wurden somit nochmals übertroffen. Verantwortlich dafür waren, die letzte Möglichkeit des Umstieges in die ÖPUL-Bio-Maßnahme und das in den Vorjahren attraktive Preisniveau. Unter den Bio-Getreidearten konnte Weichweizen das größte Plus (+5.330 ha) verzeichnen. Wintergerste wurde – wie auf den konventionellen Flächen – ebenfalls vermehrt (+3.414 ha) ausgesät. Unter den Kulturen der Herbsternte ist die Sojabohne der Gewinner auf den Bio-Flächen mit einer Zunahme von 5.088 ha. Die zunehmende Nachfrage nach Bio-Speisesoja war neben der guten Eignung für die biologische Bewirtschaftung ein Grund für die Ausdehnung. Die Flächen für die in der Bio-Landwirtschaft bedeutenden Kulturen Klee, Luzerne, etc. (Ackerfutterflächen) wurden ausgedehnt (+3.253 ha).

Vermarktungsaussichten von Getreide unterschiedlich

Österreich ist seit Jahren geprägt von einer starken Verarbeitungsindustrie und einem konstant hohen Exportanteil. Durch die Zunahme der Bio-Flächen gewinnt die Vermarktung von Bio-Getreide an Bedeutung.
Betrachtet man die gesamte österreichische Getreidebilanz, so erkennt man im Mühlensektor einer Ausweitung der Weichweizen- und Hartweizenvermahlung (Teigwaren) in den letzten Jahren. Der Mischfuttersektor weist konstante Verarbeitungsmengen auf, wobei im Vorjahr mehr Mais und weniger Gerste und Weizen – aufgrund der international knappen Gerstenverfügbarkeit und des geringen Futterweizenanteils – verarbeitet wurden.

Wertmäßiger Überschuss

Im laufenden Wirtschaftsjahr 2019/2020 werden die Exporte auf 1,5 Mio. t geschätzt, die Importe jedoch sinken nur leicht auf 2,5 Mio. t. Die Exporte erreichten in den letzten Jahren 1,2 bis 1,9 Mio. t, die Importe – je nach inländischer Erntemenge – zwischen 2,2 und 2,7 Mio. t. Vor allem die Lieferungen von hochwertigem Premium- und Qualitätsweizen nach Italien bilden die Basis für einen wertmäßig positiven Außenhandelssaldo. Der Bio-Anteil an der Gesamtgetreideproduktion beträgt 11 %, der Bio-Anteil an der Verarbeitung 6 % und der Bio-Anteil an den Lagerbeständen 20 %. Die Bio-Lager sind unter anderem mit Überlager aus der alten Ernte gut gefüllt, daher besteht weiterhin ein Exportbedarf, um den Markt zu entlasten.

Die in Österreich bedeutendste Kultur Weichweizen schrumpft mangels preislicher Attraktivität (-10.011 ha) auf ihre historisch kleinste Fläche.  @ pixabay

Ernteergebnisse der Hauptkulturen

  • Weichweizen: Die Erntemenge der Kultur mit dem höchsten Flächenanteil in Österreich wird rund 1,3 Mio. t betragen und liegt somit um 14 % unter dem Fünfjahresdurchschnitt, aber um 6 % über dem Vorjahr (2019: 5,2 t/ha). Sie zeichnet sich durch eine ausgewogenere Qualitätsverteilung von Mahl-, Qualitäts- und Premiumweizen als in den Vorjahren aus. Erste Ergebnisse der Untersuchungen aus der Versuchsanstalt für Getreideverarbeitung in Wien weisen bis dato sehr gute Knet- und Backeigenschaften auf. Bundesweit wird die Qualitätsverteilung derzeit auf rund 65 % Premium- und Qualitätsweizen sowie 25 % Mahlweizen geschätzt. Daher bestehen weiterhin gute Chancen für die Vermarktung an die inländische Mühlenindustrie und den Export, vor allem nach Italien.
  • Hartweizen: Das Rohprodukt für die Teigwarenherstellung erreicht mittlere Erträge, die über dem trockenen Vorjahr liegen (2019: 4,4 t/ha). Die Qualitätseigenschaften sind wieder hervorragend.
  • Wintergerste: Sie glänzt durch gute Hektarerträge (6,3 t/ha) und eine auch flächenbedingt gesteigerte Erntemenge. Die rasche Entwicklung ermöglichte es der Wintergerste die Trockenheit besser zu überstehen als Weizen. Das Sommerbraugerstenangebot liegt dank wesentlich besserer Erträge (4,6 t/ha) und Qualitäten – trotz eines Flächeneinbruchs – über dem schwachen Vorjahr.
  • Roggen: Die Getreideart ist nach Weizen das zweitwichtigste Brotgetreide in Österreich. Sie liefert auf den bisher geernteten Flächen zufriedenstellende Erträge (4,6 t/ha), wofür Züchtungsfortschritte mitverantwortlich sind (Hybridzüchtung).
  • Raps: Die geerntete Menge liegt durch ein Wechselspiel aus Flächentief und niedriger Hektarerträge (2,6 t/ha) auf einem sehr geringen Niveau. Die Anbaubedingungen im Herbst waren oft zu trocken und zudem kamen die Mainiederschläge für diese bedeutende Ölsaat zu spät.
  • Erbsen: Das Angebot an Körnererbsen verringert sich durch niedrige Hektarerträge (2,3 t/ha) und einem gravierenden Flächeneinbruch einer ohnehin schon kleinen Kulturfläche.

Futtergetreidepreise unter Druck

Die ersten Notierungen für Futtergerste der neuen Ernte sind durch das erhöhte Angebot in Österreich und Europa um 40-50 EUR/t zur alten Ernte zurückgegangen. Mais (der alten Ernte) konnte in den letzten Monaten – beeinflusst von internationalen Preissprünge – nur leicht zulegen. Premiumweizen liegt entsprechend des reduzierten Angebotes (dieser Qualität) leicht über dem Vorjahr, kann jedoch seine Prämie zu Mahlweizen von 10 EUR/t im Vorjahr auf 25 EUR/t deutlich ausbauen. Der Mahlweizenpreis ist wiederum aufgrund der Mengensteigerung dieser Qualität zum Vorjahr gesunken. Hartweizen legt um 10 EUR/t zum niedrigen Vorjahreswert zu, da das inländische und europäische Angebot verringert ist. Der Mahlroggenpreis sinkt zum Vorjahresniveau (-7 EUR/t).

Vorschau auf die Herbsternte

Die im Herbst zu erntenden Kulturen Mais, Sonnenblume und Sojabohne fanden bis zum jetzigen Zeitpunkt nur mittelmäßige Bedingungen vor. Die Jungendentwicklung dieser Kulturen war vor allem bei der Sojabohne, aber auch dem Ölkürbis durch den kühlen und nassen Mai mäßig. Die heißen und mäßig mit Niederschlägen versorgten Monate Juni und Juli wirkten unterschiedlich auf die kritische Phase der Maisblüte. Der Flächenzuwachs von Körnermais (+8.777 ha) kompensiert die – derzeit zum Vorjahr leicht verringert – erwarteten Hektarerträge.

 

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