Studie: Fünf Trends für die Zukunft der Bankenbranche

07.Juni 2019

In Österreich schrumpft das Filialnetz der Banken um zwei bis drei Prozent pro Jahr. Bei der Ertragskraft verzeichnet die heimische Bankenbranche aber überdurchschnittliche Fortschritte. Eine Studie von A.T. Kearney  nennt fünf Trends, wie sich die Zukunft der europäischen Bankenbranche gestalten wird.

Die heimischen Kunden müssen sich auf Veränderungen einstellen. So sind ab dem 14. September die beliebten Papier-TANs Geschichte. Die Studie zeigt, dass die Gewinne der Banken auf Grund des positiven wirtschaftlichen Umfelds und der geringeren Risikokosten auf einem Allzeithoch sind. Die Erträge stagnieren aber mit einem Prozent Wachstum in Westeuropa.

Analyse in 22 Ländern

Seit 10 Jahren analysiert die Managementberatung A.T. Kearney in ihrem „Retail Banking Radar“ die Performance europäischer Filialbanken und ermöglicht so tiefe Einblicke in die Stärken und Schwächen der Bankenszene Europas. Für die aktuelle Studie wurden die Daten von fast 92 Privatkundenbanken und Bankengruppen in 22 europäischen Ländern hinsichtlich der Kriterien Ertrag pro Kunde und Mitarbeiter, Gewinn pro Kunde, Cost-Income-Ratio und Kreditrisikovorsorgequote untersucht.

Marktkonsolidierung nimmt Fahrt auf

Seit der Krise haben europaweit 24,6 Prozent der Bankfilialen geschlossen. Die Zahl der Bankangestellten verringerte sich um rund 12 Prozent bzw. 1,3 Prozent pro Jahr. In den nordischen Ländern wurden in den letzten 10 Jahren sogar mehr als 50 Prozent aller Filialen geschlossen und auch in Österreich schmilzt das Netz jedes Jahr um 2 bis 3 Prozent. Die Marktkonsolidierung werde aber noch 5-10 Jahre andauern, heißt es in der Studie.  In den nächsten fünf Jahren werde jede zehnte Bank entweder durch Verkauf oder Zusammenschluss nicht mehr am Markt sein, darunter auch bekannte Namen. Jene Institute, die sich besonders deutlich bei Kosten, Ertrag und Digitalisierung vom Wettbewerb absetzen, werden überleben.

Fünf Trends für die nächsten 5 Jahre

  • 2,3 Milliarden Euro Umsatzrückgang: Das klassische Privatkundengeschäft bricht ein. In den nächsten fünf Jahren wird in Europa der Umsatz um 2,3 Milliarden Euro schrumpfen.
  • Kostendruck und Fusionen: Ein Viertel der  europäischen Banken hat mit hohen Kosten und niedrige Profitabilität zu kämpfen. Dieser anhaltende Kostendruck befeuert den Trend zu Fusionen und Übernahmen. Innerhalb der nächsten fünf Jahre wird jede zehnte Bank einen Verkauf oder einen Zusammenschluss mit Mitbewerbern in Betracht ziehen.
  • Mehr KI, weniger Filialen: 2023 werden die nordischen Banken nur mehr über ein Drittel ihres ursprünglichen Filialnetzes verfügen. In Westeuropa wird ein Drittel der Filialen dauerhaft geschlossen sein. Künstliche Intelligenz, Big Data und neue Technologien werden das Kundenerlebnis über alle Kanäle hinweg beeinflussen.
  • Neue Wettbewerber am Start: 2023 werden 50 bis 85 Millionen Europäer Kunden von Neobanken sein. Das entspricht ca. 20% der europäischen Bevölkerung über 14 Jahre.
  • Banking als Lifestyle-Plattform: Bis zu 50 Prozent der Europäer sind bereit, personenbezogene Daten im Tausch gegen Dienstleitungen weiterzugeben. Banken werden so zu Plattformen, die Finanzdienstleistungen mit anderen Aspekten des täglichen Lebens kombinieren und auf nationaler Ebene operieren.

Ertrag pro Kunden schwindet

Im Branchenschnitt konnte zwar von 2008 bis 2018 insgesamt das Volumen gesteigert werden, im gleichen Zeitraum ging aber aufgrund der anhaltend niedrigen Zinsmarge der Ertrag pro Kunde dramatisch um 11 Prozent zurück. Erzielte man 2008 noch Einnahmen von 700 Euro, liegt man 2018 nur mehr bei 623 Euro pro Kunde. Bis 2020/21 sinken diese Einnahmen dann nochmals auf 595 Euro. Die Folge: Die Banken leiden unter einem enormen Kostendruck sowie neuen Regulierungen, die für viele Institute das Aus bedeuten könnten. Mehr als ein Drittel der europäischen Banken gelten als „Wackelkandidaten“, so A.T. Kearney.

Österreich: Bankeninsel der Seligen

Für österreichische Banken stellt sich das Szenario (noch) nicht so dramatisch dar. Insgesamt verbuchten sie in den letzten vier Jahren sogar ein Ertragsplus pro Kunde von 7,2 Prozent, während Deutschland ein Minus von 1,3 Prozent und die Schweiz ein mageres Plus von 0,4 Prozent aufweisen. Als echter Europa-Champion unter den Geldinstituten erwies sich einmal mehr die BAWAG. Sie reihte sich unter die 14 Institute, die ihre Kostenstruktur verbessern und gleichzeitig ihr Aufwands-Ertrags-Verhältnis (CIR) unter 55 Prozent drücken konnte.

Neobanken als Zweitkonto

Der Erfolg von Revolut, Monzo und der österreichischen N26 zeigt es vor. Neobanken sind in Europa nicht mehr aufzuhalten. Diese, zu 100 Prozent digital, ohne Filialen und auf Mobilgeräte ausgerichteten Institute, jagen den klassischen Banken die „Digital Natives“ ab. Vor allem sehr junge Kunden setzen auf diese Angebote, allerdings werden Neobanken vor allem als Zweitkonto genützt. Das erste Konto liegt nach wie vor bei der Hausbank. Das Radar zeigt, dass die Kundenbasis der Neobanken seit 2011 um mehr als 15 Millionen gewachsen ist. Im Gegensatz dazu haben die klassischen Banken zwei Millionen Kunden verloren. Die Studie erwartet, dass in den nächsten fünf Jahren 50-85 Millionen zu Neobanken wechseln werden. Um im Privatkundengeschäft über 2019 hinaus bestehen zu können, müssen sich traditionelle Banken den vielfältigen, neuen Bankangeboten auf dem Markt stellen. Viele traditionsreiche Geldhäuser werden ihre eigene Neobank auf der grünen Wiese gründen.

Das Aus für den TAN und Open Banking 

Open Banking, also die Öffnung von Finanzdaten für Drittanbieter, ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits werden so innovative und lukrative Serviceleistungen erst möglich, anderseits entstehen neue Mitbewerber wie die Neobanken am Markt. Überraschend zeigt das Radar, dass 50 Prozent der Europäer bereit sind, personenbezogene Daten auf breiteren, offenen Bankplattformen zu teilen. Auch große Geldhäuser öffnen sich neuen Plattformen, wie das Beispiel der Erste Bank zeigt. Sie kooperiert mit dem Bezahlservice „Apple Pay“ und will damit auch auf der Erfolgswelle der Neobanken mitsurfen. Ein neuer technischer Regulierungsstandard (RTS), der am 14. September in Kraft tritt, beschleunigt diese Entwicklung zusehends. Die Auswirkungen: Die beliebten Papier-Tans sind spätestens dann Geschichte.

Methode

Seit 2007 misst der Retail Banking Radar die Performance europäischer Retail Banken. Für die aktuelle Auswertung wurden die Daten von 92 Privatkundenbanken – 50 Banken in Westeuropa und 42 Banken in Osteuropa – in 22 Ländern untersucht. Die Daten stammen aus offiziellen Bankunterlagen von Januar 2007 bis Dezember 2018, einschließlich Jahreszahlen, Prognosen und Ergebnissen des dritten Quartals 2018 sowie öffentlich verfügbaren Branchendaten. Konkret untersucht wurden der Ertrag pro Kunde und Mitarbeiter, der Gewinn pro Kunde, die Cost-Income-Ratio und Kreditrisikovorsorgequote.

 

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