Martin Kocher: Warum der IHS-Chef nicht mit einem harten Brexit rechnet

11.Februar 2019

IHS-Chef Martin Kocher rechnet nicht mit einem ungeregelten EU-Ausstieg der Briten Ende März. Und er hält die Kosten für den Papamonat für überschaubar.

Die Chancen für einen Hard Brexit seien „sehr gering“, weil es „das schlechteste Szenario für alle“ sei, sagte der Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS) am Sonntag in der ORF-„Pressestunde“.

Spürbarer BIP-Rückgang zu erwarten

Ein harter Brexit würde nach Schätzungen des IHS-Chefs die österreichische BIP-Wachstumsrate um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte sinken lassen. Problematisch seien die langfristigen Folgen, etwa weil das Wachstum in Großbritannien „viel schwächer“ sein werde.

Nettozahler müssen Beitragsloch stopfen

Das Ausscheiden Großbritanniens aus der Europäischen Union wird beim EU-Budget zu einem Finanzloch führen, weil ein wichtiger Nettozahler fehlt. Kocher rechnet damit, dass man einen Teil der fehlenden Einnahmen durch Einsparungen auffangen könne. Der Rest müsse von den Nettozahlern übernommen werden, so der IHS-Chef. Österreich werde wohl 200 bis 300 Mio. Euro mehr zum EU-Budget beitragen müssen. „Man wird sich nicht ganz davonstehlen können.“

Vorsichtige Prognosen für die nächsten Jahre

Für das Jahr 2020 prognostiziert der IHS-Chef ein Wirtschaftswachstum in Österreich von 1,5 Prozent. „Man muss vorsichtig sein, da kann noch viel passieren.“ Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien würden langsamer wachsen, so der IHS-Chef. „Die Binnenkonjunktur in Österreich ist gut.“ Politische Faktoren wie der Brexit, Handelskonflikte und „ein etwas schwächeres Wachstum in China“ bremsen laut Kocher die Weltwirtschaft.

Papamonat leistbar

Die Frage des verbindlichen Papamonats sei eine rein politische Entscheidung, meinte Kocher. Aus wirtschaftlicher Sicht würde dies allerdings gar nicht so hohe Kosten verursachen. Der IHS-Chef betonte, dass dies für Unternehmen hauptsächlich eine Frage der Planung sei. Auf die Frage nach den jährlichen Kosten des Papamonats gab er eine Schätzung von bis zu 30 Millionen Euro an. Bürokratie verursache etwa viel höhere Kosten.

Mitarbeiterqualifikation wird zum Flaschenhals

Wirtschaftspolitischen Handlungsbedarf ortet der Ökonom beim Thema Fachkräfte. Der aktuelle Fachkräftemangel sei konjunkturell bedingt gewesen und werde sich nun bei niedrigerem Wachstum etwas entschärfen. Durch die demografische Entwicklung werde der Fachkräftemangel in Österreich in den nächsten Jahren aber „chronisch“ werden, warnte Kocher. Er verwies auf das kanadische Punktesystem als Möglichkeit, um qualifizierte Zuwanderer ins Land zu holen. Österreich müsse Fachkräfte von außerhalb der EU ins Land holen, betonte der IHS-Chef. Bei der Integration von anerkannten Flüchtlingen sei man hierzulande bei der Qualifizierung am „richtigen Weg“, bei der Anerkennung von Qualifikationen müsse man schneller agieren.

NoVA überdenken

Die Normverbrauchsabgabe (NoVA) für Kraftfahrzeuge in Österreich bezeichnete Kocher als „keine optimale Steuer“, weil diese den Besitz und nicht den Gebrauch besteuere. Besser sei eine höhere Mineralölsteuer oder Wegeabgabe. Die von der ÖVP-FPÖ-Regierung im vergangenen Jahr beschlossene Arbeitszeitflexibilisierung bewertete der IHS-Chef als positiv. „Wirtschaftlich hat es Österreich was gebracht.“ Durch höhere Lohnabschlüsse habe sich das „ganz gut ausgeglichen“. (APA)