Automatisierung: Warum die Modeproduktion in Europa wieder eine Chance hat

18.Oktober 2018

Die europäischen Modelabels lassen wieder vermehrt in Europa produzieren. Wachsende Löhne in China und Bangladesch sowie sinkende europäische Produktionskosten und niedrigerer Logistikaufwand machen eine Modeproduktion in Europa wieder wettbewerbstauglich. 

Seit vielen Jahren ist „Made in China“ oder „Made in Bangladesh“ auf den Etiketten vieler Kleidungsstücken der westlichen Welt zu lesen. Doch das ändert sich gerade. Die niedrigeren Löhne machten China und Länder wie Bangladesch konkurrenzlos für die Modeproduktion, doch nun beginnt sich das Blatt zu wenden. Ein Unternehmer aus Bangladesch beziffert  in einem Bericht der „Salzburger Nachrichten“ den Mindestlohnanstieg in seinem Land seit 2012 mit 250 Prozent – von einst 37 Dollar auf 95 US-Dollar pro Monat.
Der Consulter-Konzern McKinsey hat die Auswirkungen untersucht: Eine Jeans, die in der Türkei produziert wird, koste heute drei Prozent weniger als in China, zählt man Fertigungs-, Transport- und Einfuhrkosten zusammen. Ähnliches gelte für den nordamerikanischen Markt. Eine Jeans aus Mexiko habe sogar um 12 Prozent niedrigere Gesamtkosten, so die Studie.

Rückverlagerung nach Europa sinnvoll

Für einzelne Kleidungsstücke mit wenig aufwendiger Produktion lohnt sich jetzt schon die Rückverlagerung der Fertigung nach Europa bzw. Nordamerika. Aber der Hauptgrund für das sogenannte Nearshoring ist die extreme Verkürzung der Lieferzeiten, die es Modeunternehmen ermöglicht, viel schneller auf Trends zu reagieren und Kollektionen agil anzupassen“, heißt es bei McKinsey. Ein Kleidungsstück aus Südostasien ist bis zu 30 Tage mit dem Schiff unterwegs in westliche Märkte – der Transport aus der Türkei nach Deutschland dauert hingegen nur drei bis sechs Tage. Den Weg von Mexiko in die USA finden die Stücke sogar in nur zwei Tagen.

Die Studie

Das sind zentrale Ergebnisse der Studie „Is apparel manufacturing coming home?“ von McKinsey & Company. Für die internationale Studie berechnete die Unternehmensberatung gemeinsam mit der RWTH Aachen und dem Digital Capability Center Aachen das Potenzial von Automatisierungstechnologien. Daneben befragte McKinsey gemeinsam mit dem „Sourcing Journal“ 188 Experten aus der Modeindustrie zu den Themen Nearshoring, Automatisierung und Nachhaltigkeit.

Konsumentenwünsche: Schnell ist nicht schnell genug

„Schnelle Reaktionszeiten sind ein Muss, um konkurrenzfähig zu bleiben. Die Zeiten, in denen Konsumenten ein halbes Jahr auf angesagte Kleidungsstücke warteten, sind längst vorbei. Heute brauchen Modeunternehmen agile Strukturen, um Trends, die bei Instagram entstehen, nicht zu verpassen, und Warenüberhänge zu vermeiden“, so die Studie. Ein weiterer Vorteil von Nearshoring: Mehr Mode kann zum vollen Preis ohne Rabattaktionen verkauft werden, da trendige Stücke schneller verfügbar sind. Bis zu fünf Prozent der Ware geht zum vollen Preis an die Kunden. Mehr als drei Viertel der befragten Experten glauben, dass ein Umschwung zum Nearshoring wegen kürzerer Lieferzeiten bis 2025 wahrscheinlich ist.

Automatisierung: eine Chance für mehr Nachhaltigkeit

Ein weiterer Schub für das Nearshoring geht von der Automatisierung aus, da sie die Produktivität erhöht. Noch hinkt die Bekleidungsindustrie anderen Branchen in der Automatisierung hinterher. Die Technologie für die Automatisierung der arbeitsintensiven Näharbeiten ist insgesamt noch nicht so weit, doch sind inzwischen einige Technologien marktreif, beispielsweise Roboter und Lasertechnologien zur Bearbeitung von Jeans. In den nächsten zehn Jahren könnten 40% (für komplizierte Kleidung) bis 70% (für simple Stücke) der Arbeitszeit durch Automatisierung eingespart werden und damit auch ein bedeutender Teil der Kosten. Das Herstellen einer einfachen Jeans könnte statt derzeit 36 Minuten nur noch 11 Minuten dauern.

Wachsende Nachhaltigkeit

Ein weiterer Vorteil der Automatisierung im Nearshoring: Sie macht die Produktion nachhaltiger, weil weniger Ressourcen verschwendet werden. Automatisierung gehe einher mit weniger Wasserverbrauch, Energie- und Chemikalieneinsatz. Nearshoring reduziert Transportwege und damit Umweltverschmutzung. Außerdem ermöglicht Nearshoring mehr On-demand-Produktion, was weniger Bekleidungsmüll zur Folge habe. Mehr als zwei Drittel der befragten Industrieexperten glauben, dass 2025 Nachhaltigkeit ein Hauptgrund für Modekunden sein wird, ein Produkt zu kaufen.

 

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