Gesundheit: Wie sich der heimische Pharmamarkt verändern wird

02.August 2018

Der Pharmamarkt wird in Österreich seine Umsätze bis 2030 fast verdoppeln. In der gleichen Zeit soll sich der Umsatz mit Gesundheits-IT-Lösungen wie Wearables oder Smartphone-Apps in Österreich auf über zwei Milliarden Euro verdreifachen.

Der digitale Wandel ermöglicht neue Geschäftsmodelle, die den Umsatz des Pharmamarktes bis 2030 fast verdoppeln werden. Dabei sinken die Margen der weltweit größten Pharmakonzerne deutlich und ihre  Abhängigkeit von Blockbuster-Medikamenten nimmt zu. 2017 sind dabei die F&E-Ausgaben weiter gestiegen. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „From Participants to Principals“ der Beratungsorganisation EY. Darin wurde die Entwicklung des Gesundheitsmarkts in Österreich, Deutschland und der Schweiz analysiert.

Wachstum in allen Märkten

Die Gesundheits- und Pharmabranche wird in den nächsten Jahren erheblich wachsen. Selbst in gesättigten Märkten wie den deutschsprachigen Ländern Österreich, Deutschland und Schweiz (DACH-Region) liegt noch erhebliches Potenzial für die Pharmabranche. Denn die Digitalisierung ermöglicht ganz neue Ökosysteme und Geschäftsmodelle im Gesundheitsmarkt.

Heimmarkt mit fast drei Mrd. Euro Umsatz

Im Jahr 2015 belief sich der allgemeine Pharmamarkt in Österreich auf rund 2,9 Milliarden Euro, von denen ein Großteil auf den Arzneimittelverkauf fiel. Gesundheits-IT-Lösungen wie zum Beispiel sogenannte Wearables oder Smartphone-Apps sowie Kooperationen etwa über Lizenzvergaben spielten eine vergleichsweise geringe Rolle und brachten rund 700 Millionen Euro bzw. 400 Millionen Euro Umsatz ein. In den nächsten Jahren dürfte es einen deutlichen Aufschwung geben: Allein in Österreich wird sich der Pharmamarkt bis 2030 von 2,9 Milliarden Euro auf 5,2 Milliarden Euro fast verdoppeln.

Markt für Gesundheits-Apps wächst stark

Zwar werden auch 2030 noch die klassischen Pharmaverkäufe den größten Teil des Marktes ausmachen. In Österreich werden sie der EY-Studie zufolge voraussichtlich von 1,8 auf 2,6 Milliarden Euro steigen. Allerdings wird der Anteil von Gesundheits-IT-Lösungen am Gesamtmarkt noch deutlicher zunehmen: Für Österreich prognostiziert die Studie eine Verdreifachung von 0,7 Milliarden Euro auf 2,1 Milliarden Euro – Gesundheits-IT-Lösungen werden also ein ähnliches Niveau wie klassische Pharmaverkäufe erreichen. Der Lizenzmarkt als dritte Säule des Pharmamarktes wird nur leicht von knapp 0,4 Milliarden auf 0,5 Milliarden Euro steigen.

Start-ups erobern Marktanteile

Die neuen Marktteilnehmer werden für die Pharmakonzerne zur ernsthaften Konkurrenz. Bis 2030 werden laut EY-Prognose Life-Science-Start-ups zwischen 30 und 45 Prozent des deutschsprachigen Marktes übernehmen. Am meisten Anteile müssten die Pharmakonzerne demnach abgeben, wenn sie sich rein auf Effizienzmaßnahmen konzentrieren und Innovationen von außerhalb der Branche übernehmen, statt sie selbst zu entwickeln. Das für sie beste Szenario ergibt sich, wenn sie darauf abzielen, das gesamte Ökosystem selbst zu kontrollieren und zu gestalten. Für den gesamten DACH-Markt würden die etablierten Pharmakonzerne im letzteren Fall mit einem Jahresumsatz von rund 66 Milliarden Euro auch weiterhin das traditionelle Pharmageschäft bestimmen. Start-ups würden mit rund 12 Milliarden Euro nur einen Bruchteil davon umsetzen. Dafür würden sie bei neuen, IT-basierten Gesundheitslösungen den Markt dominieren und hier rund 22 Milliarden Euro umsetzen. Die traditionellen Pharmaunternehmen kämen demnach zwar „nur“ auf rund 13 Milliarden Euro Gesamtumsatz in dem Bereich – aber in den anderen Szenarien würden die Start-ups noch mehr Anteile an dem disruptiven IT-Markt übernehmen.

Margen der Konzerne sinken 

Dass sich Pharmaunternehmen auf ein zunehmend schwierigeres Marktumfeld einstellen müssen, zeigt auch die ebenfalls heute veröffentlichte Analyse der Finanzkennzahlen der 21 größten Pharmaunternehmen der Welt, die die Prüfungs- und Beratungsorganisation EY erstellt hat. Demnach sanken die Margen der 21 größten Pharmakonzerne der Welt – aber die größten Umsatzbringer wachsen weiter, nämlich Wirkstoffe gegen Krebs und sogenannte Blockbuster-Medikamente. So sind 40 Prozent der derzeit in der Entwicklung befindlichen Wirkstoffe Krebsmedikamente. Bereits 2017 verdienten die Pharmaunternehmen damit fast jeden dritten Euro: Die Umsätze im Bereich Onkologie stiegen von 130,1 Milliarden Euro auf 137,4 Milliarden Euro. Das zumindest leichte Wachstum beim Umsatz findet sich nicht beim operativen Ergebnis wieder: Das EBIT sank im Vergleich zum Vorjahr um 2,4 Prozent auf 151,3 Milliarden Euro. Allerdings spielten Wechselkurseffekte 2017 eine große Rolle: Währungsbereinigt stiegen die Umsätze deutlicher um 2,6 Prozent an und das Ebit entwickelte sich mit minus 0,4 Prozent nur leicht negativ. Auch die Marge ging zurück: Sie betrug 2017 26,5 Prozent, das waren 1,8 Prozentpunkte weniger als 2016 aber 0,2 Prozentpunkte mehr als 2015.

Blockbuster werden wichtiger

Gleichzeitig wuchsen die Umsätze mit Blockbustern deutlich stärker als die Gesamtumsätze: Während die Top-21-Pharma-Unternehmen 2017 insgesamt 447,5 Milliarden Euro Umsatz und damit nur 0,4 Prozent mehr als im Vorjahr generierten, stieg der Blockbuster-Umsatz um fünf Prozent auf 268,6 Milliarden Euro. Damit stieg der Blockbuster-Anteil an den Gesamtumsätzen um 1,5 Prozentpunkte auf 60 Prozent.

Schwellenländer wachsen dynamisch

In den großen Schwellenländern wie China, Indien oder Brasilien wird die Nachfrage immer größer. Während in den relativ gesättigten Märkten USA und EU die Umsätze nur leicht gewachsen sind, erwirtschafteten die Pharmakonzerne 2017 im Rest der Welt 2,6 Prozent mehr Umsatz.  Auf die Nachfrage reagieren die Konzerne bei der Medikamentenentwicklung mit gesteigerten Ausgaben für Forschung und Entwicklung: Die 21 Top-Pharmakonzerne gaben dafür 2017 insgesamt 84,9 Milliarden Euro aus – das waren 3,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch da hatten sie ihre Ausgaben im Jahresvergleich bereits gesteigert, mit einem Plus von 4,8 Prozent sogar etwas deutlicher als 2017.

Pipeline prall gefüllt

Die Pharmaunternehmen haben ihre Pipeline prall gefüllt und drängen mit immer neuen Wirkstoffen auf den Markt. 2017 stieg die Zahl der Wirkstoffe in der klinischen Entwicklung um fast ein Fünftel (19,4 Prozent) nach einem Wachstum von knapp 12 Prozent im Vorjahr. Insbesondere in den letzten beiden Phasen kurz vor dem Markteintritt stieg die Zahl signifikant von 200 im Vorjahr auf 315. Über einen Zweijahreszeitraum betrug das Wachstum in diesen Phasen sogar 85 Prozent. Durchbrüche in einzelnen Bereichen stimulieren zudem den gesamten Pharmamarkt und sorgen für einen Schub in der Forschung und Entwicklung. Als Beispiel nennt die Studie sogenannte Checkpoint-Inhibitoren – also Proteine, die auf Zellebene das Immunsystem gegen Krebs unterstützen –  auf denen in der Pharmabranche viele Hoffnungen bei der Krebsbehandlung ruhen.

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EY-Studie