Insolvenzversicherung: Warum tausende Hoteliers zu Pauschalreiseanbietern mutieren

02.Juli 2018

Eine neue EU-Richtlinie macht demnächst mindestens 3.000 österreichische Hoteliers und Zimmervermieter zu Pauschalreiseanbietern. Diese benötigen dann verpflichtend eine Insolvenzversicherung oder der eine Bankgarantie. Im Pleitefall erhalten die Urlauber ihre Anzahlung zurück. Das Gesetz wird frühestens im September wirksam werden.

„Die Gesetzeslage ist ein völliger Schwachsinn, aber wir müssen damit leben“, kommentierte der Chef der Österreichischen Hotel- und Tourismusbank (ÖHT), Wolfgang Kleemann, Donnerstagabend vor Journalisten in Wien die EU-Pauschalreiserichtlinie, die zum Jahreswechsel in nationales Recht umgesetzt wurde. Er habe in den vergangenen 35 Jahren „keinen Fall erlebt, wo eine Pauschalreiseversicherung schlagend geworden wäre – die Zahl der Hotelinsolvenzen kannst du an einer Hand abzählen“, meinte er. Österreichweit gibt es laut Wirtschaftskammer insgesamt rund 64.000 Beherbergungsbetriebe.

Insolvenzversicherung für alle

Eine Pauschalreise im Sinne des Pauschalreisegesetzes liegt dann vor, wenn mindestens zwei verschiedenartige Reiseleistungen (Personenbeförderung, Unterbringung einer Person, Vermietung von Kraftfahrzeugen/Krafträdern oder andere touristische Leistungen) für den Zweck derselben Reise kombiniert angeboten werden. Werden andere touristische Leistungen in Kombination (z.B. mit der Beherbergung) angeboten, dann führt diese Kombination nur dann zu einer Pauschalreise, wenn diese einen erheblichen Anteil (in der Regel 25% oder mehr) am Gesamtwert der Kombination ausmachen oder als wesentliches Merkmal der Kombination beworben werden bzw. als zentraler Bestandteil dieser angesehen werden können. Wenn ein Beherbergungsbetrieb seinem Gast beispielsweise ein Gourmetwochenende mit einer Eintrittskarte für die örtlichen Sommerfestspiele anbietet oder im Nächtigungspreis der Wochenskipass enthalten ist, sind diese Packages bereits als Pauschalreise zu werten.

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Also: Wer zusätzlich zum Zimmer Nebenleistungen wie Lift- oder Theaterkarten, Bootsfahrten oder Beförderungsleistungen vorab mitverkauft, die über 25 Prozent des Buchungspreises ausmachen und für die eine Anzahlung geleistet wird, muss künftig eine Insolvenzversicherung vorweisen. Das gilt für Privatzimmervermieter, Urlaub-am-Bauernhof-Anbieter sowie Hotels sämtlicher Größen und Sterne-Kategorien gleichermaßen. Die Alternative wäre eine Bankgarantie durch ein Kreditinstitut. Doch dafür ist die – für ihr geringes Eigenkapital bekannte – Branche nicht liquide genug.

Luftfahrtunternehmen als Auslöser

Für die Versicherungen ist die geschaffene Rechtslage jedenfalls ein gutes Geschäft. „Die neue Vorschrift hebt den gesamten Versicherungsaufwand eines Hoteliers um mehr als 20 Prozent“, schätzt der ÖHT- Geschäftsführer. Auslöser für den verstärkten Konsumentenschutz seien „die Airlines“ gewesen. Im Fall einer Pleite erhalten die Urlauber von den Hotels künftig die Anzahlung zurück.

Ausschreibung der Versicherungslösung

In Zusammenarbeit mit der Wirtschaftskammer und dem zuständigen Ministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus hat sich die ÖHT in den vergangenen zwölf Monaten um eine Versicherungslösung für die heimischen Beherbergungsbetriebe bemüht. Das Ergebnis ist ein Modell mit „überschaubaren Kosten und minimalem Verwaltungsaufwand“. Nach internationaler Ausschreibung fiel ihre Wahl auf die deutsche Assekuranz HDI Global SE mit Sitz in Hannover. Dort müssten die Zimmervermieter lediglich einmal pro Jahr ihren Gesamtumsatz angeben, um ausreichend versichert zu sein. Die entsprechende Website heißt www.tourismusversicherung.at .

Kostenliste

Die Einstiegsprämie für eine kleine Privatpension liegt den Angaben zufolge bei 380 Euro jährlich. Bei 1 Mio. Euro Umsatz koste die Jahresprämie etwa 1.500 Euro, bei 3 bis 5 Mio. Euro etwa 3.000 bis 5.000 Euro und bei 7 bis 8 Mio. Euro rund 7.000 Euro. Versicherte Betriebe erhalten ein HDI-Gütesiegel, das sie auf ihrer Homepage verwenden können.

Notfallzentrale

Die Forderung nach einer 24 Stunden, 7 Tage die Woche besetzten Notfalls-Zentrale, an die sich ein Gast jederzeit wenden kann, wird durch die Versoicherugnslösung abgedeckt. Die Informationspflicht gegenüber dem Ministerium entfällt, weil aufgrund der Gestaltung des Vertrages eine Unterversicherung teilnehmender Beherbergungsbetriebe ausgeschlossen ist, wodurch sämtliche Pauschalreisen versichert sind.

Breiter Raum für Privatanzeigen

Wenn die Hotels, Pensionen und Ferienzimmervermieter einfach so weitermachten wie bisher, „passiert in Wirklichkeit gar nichts, weil es ein Gesetz ohne Sanktionen ist“, so ein Versicherungsexperte. Erstattet jedoch jemand Anzeige bei der Gewerbebehörde, droht der Entzug der Konzession. Es sei eher die Gefahr, dass einer privat klagt, weil er sich einen wirtschaftlichen Vorteil oder einen Wettbewerbsvorteil erhofft, verlautet aus der Branche.

Frühestens ab Herbst

Eigentlich sollte das Pauschalreisegesetz ab 1. Juli gelten, der Begutachtungsentwurf geht aber erst am 6. Juli ins Parlament. Die Tourismusbetriebe haben also voraussichtlich noch bis September Zeit, sich auf die neuen Vorschriften einzustellen, wie es vonseiten der ÖHT hieß.

 

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