Online-Versicherer: Wie chinesische InsurTechs den Markt aufmischen

07.November 2017

InsurTechs haben die Versicherungswirtschaft aufgeschreckt und verändert. So hat ein chinesischer Online-Versicherer an einem einzigen Novembertag 2016 über 200 Millionen Polizzen verkauft. Jetzt stünden den Angreifern aber harte Zeiten bevor, heißt es in einer Oliver Wyman-Studie. Kooperationen ersetzen zunehmend die Strategie des Angriffs.

Chinesischer Onlineversicherer mischt den Markt auf

Das Unternehmen Zhong An hat in Europa noch einen geringen Bekanntheitsgrad.  Mehr als 450 Millionen Kunden gewann der Online-Versicherer aus Shanghai nach eigenen Angaben, seit er 2013 startete. Ausgestattet mit umgerechnet 930 Millionen Dollar Investorengeld ist das InsurTech bereit zum Sprung von China in den Weltmarkt. An einem einzigen Tag im November 2016 verkaufte der Low-Cost-Anbieter 210 Millionen Policen – mehr als mancher Traditionsversicherer in einem Jahrzehnt.

Grenzüberschreitende Aktivitäten sind vorerst die Ausnahme

Oliver Wyman und Policen Direkt haben die weltweite InsurTech-Szene analysiert, wie die digitalen Neugründungen im Versicherungsgeschäft bezeichnet werden. Mehr als 1000 Start-ups sind in der Versicherungsbranche aktiv. Aber es werden viele lukrative Felder  vernachlässigt. Eine echte Disruption – Verdrängung alter Geschäftsideen durch neue – ist selten. Dagegen sind andere Geschäftsmodelle trotz begrenzten Ertragspotenzials schon überbesetzt. Allerdings steht der Branche eine zweite Welle der InsurTech-Bewegung mit erfolgsversprechenderen Ansätzen bevor.

Kommen auch nach Europa

„Es ist eine reine Frage der Zeit, bis Unternehmen wie Zhong An die europäischen Märkte bearbeiten“, heißt es in der Studie von Oliver Wyman. Mächtige Investoren von Ping An über Alibaba bis hin zu Tencent stehen hinter Zhong An, der Börsengang ist bereits geplant. Zudem kopiert Zhong An die erfolgreiche Strategie von Amazon: Wie Amazon Web Services weltweit führende Cloud-Lösungen anbietet, vermarktet Zhong An Technologies spezifische digitale Versicherungslösungen. Ein Geschäftsmodell, das sich einfacher internationalisieren lässt als der Versicherungsvertrieb.

IT macht den Unterschied

InsurTechs greifen an mit IT-Know-how entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von Angebot über Vertrieb bis zum Betrieb. Kaum jemand unterschätzt die InsurTechs heute noch. Oliver Wyman ging der Frage nach, wo sich diese selbst überschätzen.

Zweite Welle mit mehr Branchenexpertise aus Europa

Die Studie kommt zum Ergebnis, dass sich die Spreu vom Weizen trennen wird. Eine Konsolidierung steht bevor. Gerade in bereits überbesetzten Geschäftsfeldern, die häufig in den Bereichen Angebot und Vertrieb anzutreffen sind, sei eine Bereinigung unvermeidlich. „In der ersten Welle traten auch Start-ups an, die kaum über Branchenwissen verfügten“, heißt es in der Pressemitteilung. Das räche sich jetzt. Auch einige Investoren irrten mit der Annahme, es ließen sich ähnlich wie im disruptiven E-Commerce einfach Nachfrageströme unterbrechen und umleiten. „Dieser Ansatz läuft im Versicherungsgeschäft meist ins Leere. Denn es existieren nur sehr wenige Gebiete, in denen Kunden aktiv nach einer Absicherung suchen“, so die Studie. Es gelte, „das latente Kundenbedürfnis an die Oberfläche zu holen.“ Die Aussicht: Eine zweite Welle erheblich besser aufgestellter InsurTechs werde in den Markt starten – mit mehr Branchenwissen. Es sei damit zu rechnen, dass gerade europäische InsurTechs in vorhandene Lücken stoßen werden.

Jetzt geht es um’s Kapital

Eine kritische Rolle spielen die Investoren: „Es wird spannend zu beobachten sein, wie sie auf die ersten Ausfälle reagieren. Und inwieweit sie bereit sind, die bevorstehenden teureren Finanzierungsrunden mitzugehen.“ Zögern der Geldgeber sei bereits spürbar, wenn zweistellige Millionenbeträge aufgerufen werden. Solche Nagelproben stehen den meisten InsurTechs noch bevor – und sie verändern das Auftreten. „Wir beobachten, dass die Angriffslust vieler InsurTechs einem Kooperationswillen mit dem Establishment weicht“, konstatiert die Studie. .

Viele Geschäftsfelder sind schon besetzt

Um zu einer realistischen Einschätzung der Chancen und Risiken zu kommen, haben die Studienautoren 19 Geschäftssegmente in Marktgröße und Erfolgsaussichten bewertet – und mit der Aktivität der InsurTechs verglichen. „Es zeige sich ein deutliches Ungleichgewicht zwischen investiertem Wagniskapital und vorhandenem Potenzial. Auch mit Blick auf den europäischen Markt würden aktuell attraktive Chancen liegengelassen. „Besonders stark sind europäische InsurTechs beim Angebot von situativen und Community-basierten Produkten – dabei sind beide Felder nicht sonderlich gewinnträchtig.“ Das ebenfalls in Europa beliebte Modell der Preisvergleichswebseiten besitze zwar mittlere Attraktivität, sei aber mit Platzhirschen schon besetzt.

Im Versicherungsbetrieb wäre viel zu holen

Mehr Hoffnung auf nachhaltigen Erfolg machen die Experten jenen Start-ups, die den Betrieb digitalisieren. Neue Technologien unterstützen den Vertrieb („Digital Sales Enabling“), erleichtern die Schadensabwickung („Claims Management“) oder optimieren versicherungstechnische Kernprozesse („Underwriting“).

Online-Versicherer stehen noch vor Internationalisierung

Während zwei Drittel des weltweiten Prämienpotenzials in den USA und Westeuropa schlummern, finden die InsurTechs nach der Analyse erst selten den Weg über Landesgrenzen. Viele InsurTechs sind noch reine Länderspieler. Die Aktivitäten beginnen dort, wo die Gründer die lokalen Gegebenheiten und die Regulierung kennen.

Zum Design der globalen InsurTech-Studie

Für die Studie untersuchten Oliver Wyman und Policen Direkt die internationale InsurTech-Szene. Mehr als 1000 Start-ups aus den Regionen Amerika, EMEA und APAC wurden hierzu in den letzten zwei Jahren identifiziert und in eines von 19 Geschäftsmodellen entlang der Versicherungswertschöpfungskette klassifiziert.

 

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