Wende: So nützen Autozulieferer den Trend zur Elektromobilität

26.September 2017

Eine  Zuliefererstudie warnt die traditionellen Branchenunternehmen: Das Zeitalter des Elektroautos setzt auf völlig neue Lieferstrukturen. China ist dabei, zur weltweiten Schlüsselregion in Sachen E-Mobilität zu werden, weil europäische Regierungen die traditionellen Branchenstrukturen schützen. Die Berater von Oliver Wyman raten zur Kooperation mit direkten Mitbewerbern.

China forciert E-Mobilität

Traditionelle Automobilzulieferer drohen bei der Elektromobilität auf der Strecke zu bleiben. Eine Analyse der Münchner Berater von Oliver Wyman zeigt: Anbieter, die noch stark auf den klassischen Verbrennungsmotor setzen, laufen Gefahr, Marktanteile zu verlieren und Wachstumschancen auszulassen. Die Schwäche nutzen will die chinesische Regierung, die eine auf alternative Antriebe ausgerichtete Autoindustrie aufbaut. Verschärft wird die Lage durch die zunehmende vertikale Integration der Automobilhersteller (OEM), die nach der Wertschöpfung ihrer Lieferanten greifen. Der Analyse zufolge wird der E-Antrieb 2025 nur noch knapp 20 Prozent teurer sein als der Verbrennungsmotor und zu zunehmender Durchdringung führen. Von Zulieferern erfordert das eine konsequent auf Elektromobilität ausgerichtete Produkt- und Markenstrategie sowie neue Kooperationen. Dafür müssen sie laut Studie aber bereit sein, sich selbst mit direkten Konkurrenten zu verbünden.

Asien hat Weichen gestellt

Benzin oder Strom? In China ist die Frage nach der künftigen Energiequelle für das Auto schon beantwortet. Die  Wirtschaftsmacht setzt stark auf elektrische Antriebe. Den Kauf von E-Autos fördert die Regierung über Zuschüsse und Steuererleichterungen – sowie über eine Benachteiligung konventioneller Fahrzeuge im Alltag. So müssen Besitzer von Pkws mit Verbrennungsmotor in einigen Städten Mauts entrichten oder sehen sich gar Fahrverboten gegenüber. Das Maßnahmenbündel zeigt Erfolge: 2015 wurden in China mehr E-Autos verkauft als in Europa und Nordamerika zusammen. Parallel macht das Land Tempo beim Aufbau seiner Elektromobilitätsindustrie. Das Leitbild „Made in China“ verlangt, dass 80 Prozent der verkauften E-Autos im Jahr 2025 aus heimischer Produktion stammen.

China als Schlüsselregion

Oliver Wyman hat in einer Analyse die internationalen Perspektiven der Elektromobilität untersucht und zeigt Folgen für die bestehende Zulieferindustrie auf. Mit zunehmendem Erfolg strombetriebener Fahrzeuge werde sich Wertschöpfung in die Schwellenländer verlagern“, heißt es in der Analyse. Der Vorstoß in die Welt der Elektromobilität müsse nicht allein aus eigener Kraft geschehen. Neben dem Kauf von Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette können Kooperationen die Schlagkraft erhöhen. „Auch das Joint Venture mit einem direkten Konkurrenten darf kein Tabu sein,“ so die Berater.

Verbrennungsmotoren binden Investitionen

Die Lage ist für europäische Zulieferer schwierig. Bereits getätigte Investitionen etwa in Werke für Komponenten von Verbrennungsmotoren lassen Elektromobilität auf kurze Sicht unattraktiv erscheinen. Zudem kommt der heimische Markt für E-Autos nur langsam in Schwung – auch, weil die Regierungen Rücksicht nehmen auf die traditionelle Automobilindustrie und mehr auf Anreize als Verbote setzt. Dies bringe mittelfristig Wettbewerbsnachteile für die europäischen Anbieter – etwa gegenüber chinesischen Konkurrenten, die sich ganz auf E-Autos spezialisieren. Verschärft wird die Lage dadurch, dass die Automobilhersteller (OEM) ihre Wertschöpfungstiefe erhöhen. „Sie treiben besonders in der Elektromobilität die vertikale Integration voran und greifen nach zusätzlicher Wertschöpfung“, stellt Oliver Wyman fest. Der US-Hersteller von E-Autos Tesla plant etwa seine eigene „Gigafactory“ für Batterien. Auch traditionelle Hersteller wollen selbst Batterien bauen.

Wertschöpfung wandert zur Batterie

Die bislang wichtigen Module für traditionelle Motoren und Antriebsstränge werden dramatisch an Bedeutung verlieren. Die Wertschöpfung wandert hin zur Batterie. Hochspannungskabelsysteme, Leistungselektronik oder Antriebsmanagement rücken in den Fokus. Das wirkt sich auch auf die Produktionstechnik aus: Noch vorherrschende Guss- und Drehmaschinen werden zunehmend durch Wickelmaschinen ersetzt, die für den Bau von Elektroantrieben nötig sind. Die Kosten für Elektroantriebe und Verbrennungsmotoren nähern sich dank leistungsfähigerer Batterien weiter an. Heute ist der Elektroantrieb der Oliver Wyman-Analyse zufolge noch fast doppelt so teuer wie der Verbrennungsmotor. Doch schon 2025 wird er im Schnitt nur noch knapp 20 Prozent teurer sein.

E-Mobilität steht vor Durchbruch

Die Oliver Wyman-Berater gehen davon aus, dass die in vielen Märkten noch vorherrschende Skepsis gegenüber strombetriebenen Fahrzeugen ab 2020 rasch abnimmt. Ein politischer Kurs, wie ihn China einschlägt, könnte im Jahr 2030 zu einem Anteil von 50 Prozent an den Neuzulassungen führen. Technologie ist das wichtigste Merkmal zur Differenzierung. Kooperationen können hier schnellere Erfolge bringen.