Steht die Medizin vor einem Paradigmenwechsel?

InvestStory 11. August 2026, Bernd Mayer

Prävention statt Therapie: So könnte Eli Lilly die Branche auf den Kopf stellen

Die meisten Menschen wissen, was gesund ist: Regelmäßige Bewegung, ausgewogenes Essen und ausreichend Schlaf. Doch im Alltag schaffen es die wenigsten, sich daran zu halten. Deshalb nehmen Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2 und Übergewicht immer weiter zu. Eine Möglichkeit, diesem Trend entgegenzuwirken, ist Prävention. Neben der Förderung eines gesunden Lebensstils beinhaltet das die Früherkennung, Vorsorgeuntersuchungen sowie die medizinische Rehabilitation nach Krankheiten. Doch in der Realität findet das kaum statt.

Krankheits- statt Gesundheitssystem

Unser Gesundheitssystem ist vor allem auf den Reparaturbetrieb, also die Behandlung bestehender Krankheiten ausgerichtet. Der größte Teil des Geldes fließt in akute Therapien, Operationen sowie die stationäre Versorgung. Damit verdient die Gesundheitsindustrie ihr Geld. Es bedarf dabei einer Erkrankung, damit Medikamente zum Einsatz kommen. Die echte Vorbeugung hat dagegen einen geringen Stellenwert. In Österreich flossen im Jahr 2024 nur 2,1 Prozent der laufenden Gesundheitsausgaben in Prävention.1 In den meisten anderen Ländern sieht es kaum besser aus. So gaben die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland im Jahr 2024 schmale 9,21 Euro pro Versichertem für Gesundheitsförderung und Prävention aus.2

Ein ganz neues Paradigma entsteht

Doch der Trend zu immer mehr Zivilisationskrankheiten ist nicht unumkehrbar. Es gibt auch Entwicklungen, die dem entgegenlaufen. Die vielleicht bemerkenswerteste davon sind Hormonersatzstoffe wie Semaglutid, die das körpereigene Darmhormon Glucagon-like Peptide-1 (GLP-1) nachahmen. Sie verstärken das Sättigungsgefühl und regulieren den Blutzucker. Eigentlich sind die darauf basierten Medikamente zur Behandlung von Diabetes und Adipositas vorgesehen. Doch neuesten Erkenntnissen zufolge könnten die Wirkstoffe auch präventiv wirken, um etwa das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlafstörungen und chronische Nierenerkrankungen zu senken.3 Darüber hinaus könnten die Stoffe das Belohnungssystem des Gehirns dämpfen und dadurch Suchtverhalten, etwa bei Zigaretten oder Alkohol, abschwächen.4

Sollten sich diese Befunde in der Breite bestätigen, könnten GLP-1-Präparate weit mehr sein als ein Medikament. Durch Hinzufügen anderer Hormone könnte eine ganze Reihe von Wirkstoffen entwickelt werden, mit denen sich die Entstehung von Krankheiten von vornherein verhindern lässt. Das wäre ein ganz neues Paradigma. Darauf arbeitet der US-Pharmakonzern einem Artikel von „The Economist“ zufolge hin. Der ambitionierte Plan sieht vor, den Schwerpunkt des Geschäfts künftig darauf zu legen, Menschen gesund zu erhalten. Das passt zur strategischen Ausrichtung von Eli Lilly, Gesundheitsergebnisse stärker in den Mittelpunkt zu rücken.5 Wenn das gelingt, würde wahrscheinlich die ganze Pharmaindustrie auf den Kopf gestellt.3

Disruption von oben

Nun muss man wissen, dass Eli Lilly nicht irgendein Pharmaunternehmen ist, sondern das mit Abstand wertvollste der Welt. Anfang Juli erreichte der Börsenwert in der Spitze 1,1 Billionen US-Dollar.6 Es war die erste Pharmafirma überhaupt, die in die Billionensphäre vorrückte. Bislang war das vor allem Tech-Konzernen vorbehalten. Doch es könnte eine Parallele geben: Ähnlich wie Big Tech seine Plattformen aufgebaut hat, könnte Eli Lilly ein eigenes Ökosystem um GLP-1 errichten. Neben neuen Wirkstoffen und Anwendungen sind auch digitale Vertriebswege angedacht, aus denen langfristige Beziehungen zu den Patient:innen entstehen könnten. Mit seiner Plattform LillyDirect arbeitet der Konzern bereits daran. Der enge Kontakt ist für ein auf Prävention ausgerichtetes Unternehmen wichtig. Denn die Menschen müssen davon überzeugt werden, mit der Behandlung zu beginnen, bevor sie erkranken – und die Therapie über Jahre hinweg fortsetzen.3 Es ist leichter gesagt als getan, ein solches Umdenken zu erzielen. Deshalb hat die angedachte Disruption durchaus Risiken. Doch im Erfolgsfall könnte sich Eli Lilly einer der größten Wachstumsmärkte der kommenden Jahrzehnte eröffnen.

Wer soll das bezahlen?

Die vielleicht größte Herausforderung dürfte die Finanzierung sein. Denn während die Kosten für Prävention schon heute anfallen, zeigen sich die Einsparungen infolge einer verbesserten Gesundheit in der breiten Bevölkerung erst in der Zukunft. Das erschwert es, den Wert der Prävention zu beziffern und die Kosten zu erstatten.3 Dabei sind die Budgets vieler Krankenkassen schon jetzt strapaziert. Flächendeckende präventive Medikamente würden die Ausgaben explodieren lassen, wenn die Behandlung zunehmend vom kranken Menschen auf den noch nicht erkrankten Menschen verlagert würde. Ob stattdessen genügend Menschen das Ganze aus eigener Tasche finanzieren können bzw. wollen, um besser bzw. länger zu leben, steht in den Sternen.

Bis auf weiteres kommt es für Eli Lilly also darauf an, in seinen aktuellen, ertragsstarken Märkten zu wachsen. Das gelang dem Konzern zuletzt vor allem mit den Diabetes- und Abnehmprodukten Mounjaro und Zepbound. Allein damit wurden etwa 65 Prozent des Umsatzes erzielt.7 Doch die Konkurrenz schläft nicht. Weltweit arbeiten Pharma- und Biotech-Unternehmen an neuen Medikamenten.8 Aus diesem Grund will Eli Lilly den Zugang zu seinen Blockbuster-Medikamenten radikal ausweiten, auch wenn das mit entsprechenden Preisrückgängen einhergeht. Da kommt es gerade recht, dass in den USA zum 1. Juli die Aufnahme der GLP-1-Präparate in Medicare und Medicaid beschlossen wurde. Berechtigte Versicherte mit Adipositas und mindestens einer Begleiterkrankung erhalten Zepbound & Co. nun gegen eine Zuzahlung von 50 US-Dollar im Monat. Auf diesem Weg haben Millionen Menschen Zugang.4 Ähnliche Vorschläge machten zuletzt auch in Deutschland die Runde.9

Mehr als eine „Abnehmaktie“

Fest steht, dass die Zukunft der individuellen Gesundheit zunehmend in der Prävention liegt. Eli Lilly könnte daraus ein Geschäft machen. Die erweiterte Pipeline des Konzerns spricht dafür, dass man darauf hin arbeitet. Zum Beispiel wird das Medikament Retatrutid derzeit auf Wirksamkeit und Sicherheit bei Adipositas und Übergewicht in Verbindung mit weiteren Symptomen untersucht. Im 1. Quartal 2027 soll bei der US-Arzneimittelbehörde der Antrag auf Zulassung gestellt werden.10 Ein weiteres Beispiel ist Foundayo, ein seit 2026 in den USA zugelassenes GLP-1-Präparat in Tablettenform zur Behandlung von Adipositas.11 Branchenbeobachter:innen sehen Vorteile bei der Anwendung gegenüber dem Konkurrenzprodukt von Novo Nordisk.12 Expert:innen schätzen, dass Foundayo bis 2030 einen Umsatz von 14,2 Milliarden US-Dollar erzielen könnte.13 Damit wäre es der Wachstumstreiber schlechthin. Doch Eli Lilly hat noch andere Geschäftsbereiche, etwa Alzheimer. Hier gibt es das Medikament Kisunla, das im Frühstadium eingesetzt wird.14 Auch in der Onkologie ist man aktiv. Dort erhielt der Wirkstoff Olomorasib zuletzt den aussichtsreichen Breakthrough-Status der US-Gesundheitsbehörde FDA zur Behandlung von Bauchspeicheldrüsenkrebs.15 Darüber hinaus hat sich Eli Lilly durch Übernahmen in den Bereichen psychische Erkrankungen und Schlafstörungen positioniert.16,17 Die Umsatzstruktur des Konzerns wird derzeit neben Mounjaro und Zepbound auch von etablierten Produkten wie Trulicity (Diabetes), Verzenio (Brustkrebs), Jardiance (Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen) sowie Taltz (Autoimmunerkrankungen) getragen.18

Langfristig sowohl Chancen als auch Risiken

Trotzdem hängt die Investmentstory zu großen Teilen am GLP-1-Markt. Wie schnell man dabei abgehängt werden kann, musste der Konkurrent Novo Nordisk erfahren. Einst hatten die Dänen einen großen Vorsprung. Doch dann fand eine zunehmende Verdrängung durch wirksamere Medikamente von Eli Lilly statt. Heute gelten die US-Amerikaner als klarer Qualitätsführer in der Pharmabranche.4 Bis 2030 könnte Eli Lilly die weltweiten Umsätze mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln jährlich um 18,5 Prozent steigern.19 „Nach 150 Jahren Unternehmensgeschichte sieht Lillys Zukunft vielversprechender aus als je zuvor“, sagte Vorstandschef David Ricks zu den jüngsten, starken Quartalszahlen.7 Genau deshalb ist die Aktie aber auch viel höher bewertet als der Branchendurchschnitt. Das lässt kaum Spielraum für Enttäuschungen, wenn etwa Medikamente nicht oder verspätet zugelassen werden. Das Risiko liegt im Katz-und-Maus-Spiel: Medikamente haben eine begrenzte Zeit, in der hohe Gewinnmargen erzielt werden können, bevor der Patentschutz entfällt.4 Man braucht also immer wieder innovative Wirkstoffe, bevor die aktuellen Gewinntreiber ausfallen. Doch dafür gibt es keine Garantie. Kommt es zu Enttäuschungen, könnte die Aktie also spürbare Verluste verzeichnen.

Investment-Varianten

Anleger:innen, die über eine Investition in Eli Lilly nachdenken, könnte neben der Direktinvestition in die Aktie auch die Möglichkeit eines Aktiensparplans ins Auge fassen, bei dem zu festen Abrechnungsterminen regelmäßig Aktien des US-Pharma-Riesen gekauft werden. Dabei können Einzahlungen jederzeit erhöht, reduziert oder ausgesetzt werden, was ein hohes Maß an Flexibilität gewährleistet. Wer vorsichtiger agieren möchte sollte einen Blick auf die neue 11,75 % Erste Bank Protect Pro Aktienanleihe auf Eli Lilly and Company 26-27 werfen, die sich noch bis 1. September 2026 in der Zeichnungsphase befindet.

Hinweis: Investitionen bergen neben Chancen auch Risiken. Die im Text angeführten Unternehmen sind beispielhaft ausgewählt worden und stellen keine Anlageempfehlung dar.

1Quelle: Statistik Austria; Stand: 11. Juni 2026
2Quelle: GKV-Spitzenverband; Stand: November 2025
3Quelle: The Economist; Stand: 15. Juli 2026
4Quelle: e-fundresearch; Stand: 4. August 2026
5Quelle: Eli Lilly; Stand: 5. August 2026
6Quelle: CompaniesMarketCap; Stand: 5. August 2026
7Quelle: Eli Lilly Investor Relations; Stand: 5. August 2026
8Quelle: Verband Forschender Arzneimittelhersteller e.V.; Stand: 30. Juli 2026
9Quelle: finanzen.net; Stand: 3. August 2026
10Quelle: Eli Lilly Investor Relations; Stand: 23. Juli 2026

11Quelle: Eli Lilly Investor Relations; Stand: 1. April 2026
12Quelle: Fierce Pharma; Stand: 31. Juli 2026
13Quelle: S&P Global; Stand: 28. April 2026
14Quelle: Alzheimer Forschung Initiative e.V.; Stand: 22. Juni 2026
15Quelle: Eli Lilly Investor Relations; Stand: 3. August 2026
16Quelle: Eli Lilly Investor Relations; Stand: 24. Juni 2026
17Quelle: Eli Lilly Investor Relations; Stand: 16. Juli 2026
18Quelle: Eli Lilly, Statista; Stand: 7. Mai 2026
19Quelle: Statista; Stand: 24. September 2025

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