
Halb zehn, halb vier oder kurz vor zwölf?
Wie spät ist es an der Börse?
InvestStory 27. Juli 2026, Kurt Prattes
Es könnte alles so einfach sein – um Mitternacht ist bei Cinderella Feierabend, um Punkt zwölf wird bei High Noon abgerechnet, der Countdown bei James Bond bleibt gerne mal bei 0:07 stehen und selbst die sprichwörtliche letzte Minute hat irgendwann ein Ende – nur an der Börse irrt man ziel- und zeitlos durch die Gegend und fragt sich: „Wie spät ist es eigentlich, in welcher Phase der Börsenrally befinden wir uns, lohnt der Einstieg noch oder ist der Zug längst abgefahren?“
Langfristig aufwärts
Eine rein statische Betrachtung des letzten Vierteljahrhunderts an den Börsen vermittelt vor allem eines: Langfristig entwickelten sich die wichtigsten Aktienmärkte trotz aller Krisen überwiegend nach oben. Sowohl der österreichische ATX, der globale MSCI World als auch der US-amerikanische S&P 500 haben deutlich an Wert zugelegt. Bei dynamischer Betrachtung offenbart sich allerdings, dass Anleger:innen im besagten Zeitintervall durchaus auch harte Zeiten überstehen mussten – wie etwa die Weltfinanzkrise 2008, in deren Sog sowohl der MSCI World als auch der S&P 500 über 50 Prozent in die Knie gingen und rund sechs Jahre brauchten, um den Einbruch vollständig aufzuholen.1 Der ATX benötigte sogar 18 Jahre, um sein Hoch vor der Finanzkrise zu überwinden. Oder der Corona-Crash im Jahr 2020, der dem S&P 500 Verluste von rund 35 Prozent bescherte, die aber dank massiver staatlicher Interventionen bereits ein halbes Jahr später wieder wettgemacht waren.2 Als Erkenntnis bleibt, dass selbst in einer Börsenhausse Zeitintervalle mit (stark) sinkenden Kursen auftreten (können).

Hinweis: Die Entwicklungen der Vergangenheit lassen keine verlässlichen Rückschlüsse auf die zukünftigen Entwicklungen zu.
Vor der Wende?
Dementsprechend schwierig fällt ein Resümee zur aktuellen Börsenphase. Der Umstand, dass sich viele Leitindizes in der Nähe ihrer Höchststände bewegen3 und auch die für 2026 geplanten KI-Investitionen der Tech-Riesen Amazon, Alphabet, Microsoft und Meta mit einem Rekordniveau von bis zu 725 Milliarden US-Dollar beziffert werden,4 könnten als Indikator für eine fortgeschrittene Rallyphase interpretiert werden. Auch die starke Gewichtung der „Magnificent Seven“ im S&P 500, die knapp ein Drittel der gesamten Marktkapitalisierung dieses Index ausmachen, wird allgemein nicht nur als Klumpenrisiko interpretiert, sondern als Warnzeichen, dass eine Kehrtwende schnell und plötzlich vonstattengehen kann. So verweist J.P. Morgan Asset Management in seiner Marktanalyse „How extreme is market concentration?“ darauf, dass der Wert der dominanten Gewichtung inzwischen sogar über dem historischen Höchststand liegt, der während der Dotcom-Blase mit 26,6 Prozent markiert wurde.5 Gleiches gilt für den MSCI World, bei dem ebenfalls Tech-Giganten die Performance maßgeblich bestimmen. Dies führt dazu, dass allein die Top-10-Aktien zusammen fast 25 Prozent des gesamten Index ausmachen – im Umkehrschluss sind bei einer Gesamtzahl von mehr als 1.400 Unternehmen damit gerade einmal 0,7 Prozent der Aktien für ein Viertel der Performance verantwortlich.6 Für Skeptiker ist klar: das kann nicht mehr lange gutgehen.7
Markt in Bewegung
Gleichwohl könnten die Börsen auch weiterlaufen und, allen Unkenrufen zum Trotz, neue Höchststände erklimmen. „Die Hausse nährt die Hausse“ lautet nicht umsonst ein bekanntes Börsen-Bonmot. Diesem zufolge entwickeln steigende Kurse eine Eigendynamik, die immer weitere Anlegerscharen anlockt. Aufgrund des prozyklischen Effekts würden dadurch auch anfangs zögerliche Investoren nachträglich einsteigen, was die Kurse oft unabhängig von der realen Wirtschaftslage weiter nach oben treibt.8 Dass Speicherwerte wie beispielsweise Micron Technology, Samsung, SK Hynix, SanDisk oder Western Digital zuletzt stark unter Druck gerieten, kann damit ganz konträr diskutiert werden. Geht dem KI-Trend die Luft aus oder bieten sich für Anleger:innen, die auf Rücksetzer gewartet haben, vielmehr interessante Einstandskurse? Außerdem gilt es, das Momentum nicht aus dem Auge zu verlieren.
Vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung aber gar nicht darin, die aktuelle Börsenphase möglichst exakt zwischen Euphorie und Ernüchterung einzuordnen. Vielmehr könnte entscheidend sein, welche Schlüsse sich aus der aktuellen Marktstruktur für Anleger:innen ziehen lassen. Denn die Börsenuhr scheint derzeit weder auf acht Uhr morgens noch auf fünf vor zwölf zu stehen. Zwar dominieren die großen Technologiekonzerne weiterhin einen beträchtlichen Teil der Indexentwicklung. Gleichzeitig mehren sich Anzeichen dafür, dass sich die Erfolgsstory rund um künstliche Intelligenz zunehmend verbreitert. Die milliardenschweren Investitionen der Technologiekonzerne wirken weit über Halbleiterunternehmen hinaus und könnten auch Betreiber digitaler Infrastruktur, Energie- und Netztechnikspezialisten sowie Industrie- und Automatisierungsunternehmen begünstigen.
Hinweis: Prognosen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Entwicklungen
Paradigmenwechsel erkennen
Besonders spannend wird es, wenn sich strukturelle Faktoren ändern. KI in seinen Anfängen der 1950er Jahre subsumierte gerade einmal den Turing-Test. Mit diesem sollte schlicht geprüft werden, ob eine Maschine menschliches Denken „imitieren“ konnte.9 Es folgten Expertensysteme und Deep Blue, ehe Machine Learning und Deep Learning den Weg für Generative KI ebneten. Jeder erreichte Meilenstein hätte bereits das Ende der KI einläuten können, aber stattdessen war es der Anfang einer neuen Entwicklungsstufe eines höherwertigen Paradigmas.
Auf die Börse übertragen bedeutet dies: Die Gewinner einer Technologie-Revolution müssen nicht über die gesamte Laufzeit dieselben bleiben. Während in einer frühen Phase häufig die Grundlagenanbieter profitieren, verschieben sich die Chancen später entlang der Wertschöpfungskette. Genau dieser Prozess könnte derzeit zu beobachten sein. Zunächst standen Halbleiterhersteller und Chipausrüster wie Nvidia, TSMC oder ASML im Mittelpunkt. Danach rückten Cloud-Plattformen und Softwareanbieter wie Microsoft, Alphabet oder Amazon stärker in den Fokus. In einer nächsten Entwicklungsstufe könnten auch Unternehmen profitieren, die die notwendige Infrastruktur bereitstellen oder KI produktiv einsetzen. Beispiele dafür finden sich unter anderem in den Bereichen Energieversorgung, Netztechnik, Automatisierung und Industrie. Unternehmen wie Siemens Energy, Schneider Electric, GE Vernova oder Caterpillar zeigen exemplarisch, wie vielfältig die KI-Wertschöpfung inzwischen geworden ist.
Für Anleger:innen eröffnet dies mehrere Möglichkeiten. Eine davon besteht darin, bei den etablierten KI-Gewinnern investiert zu bleiben. Eine andere könnte darin liegen, den Blick auf Unternehmen und Branchen zu erweitern, die vom Ausbau der KI-Infrastruktur oder von deren Anwendung profitieren. Auch die regionale Diversifikation gewinnt in diesem Zusammenhang an Bedeutung, da potenzielle Gewinner nicht ausschließlich in den Vereinigten Staaten zu finden sein müssen. Darüber hinaus stellt sich für manche Anleger:innen nicht nur die Frage, worin investiert werden soll, sondern auch wie. In einem Umfeld hoher Bewertungen und fortgeschrittener Börsenrallys können daher auch Anlagelösungen interessant sein, die Renditechancen nicht ausschließlich aus weiter steigenden Kursen beziehen, sondern zusätzlich Erträge in Seitwärtsphasen ermöglichen oder einen definierten Risikopuffer bieten.
Fazit
Wie in allen Bereichen werden Skeptiker und Optimisten auch an der Börse selten auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Dazu divergieren die Ansichten hinsichtlich der weiteren Entwicklung wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich einfach zu stark. Dennoch gibt es durchaus tragfähige Gründe, die gegen ein Ende der langjährigen Börsenrally sprechen, denn langsam aber stetig lassen KI-Unternehmen den früheren Zukunftsversprechen auch monetär-messbare Umsatzgrößen folgen. So steigerte Microsoft die Umsatzrunrate im KI-Bereich deutlich, während zeitgleich Millionen kostenpflichtiger Copilot-Lizenzen verzeichnet wurden. Auch bei Alphabet, Amazon und Meta sorgt KI zunehmend für konkrete Umsatzbeiträge.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Erkenntnis: Die Börsenuhr lässt sich zwar nicht exakt ablesen, doch vieles spricht dafür, dass die erste Phase des KI-Booms bereits hinter uns liegt und sich der Kreis potenzieller Nutzniesser zunehmend erweitert. Die Tech-Riesen geben zwar weiterhin den Takt vor, gleichzeitig könnten entlang der Wertschöpfungskette neue Profiteure in den Fokus rücken. Für Anleger:innen wäre dies weniger ein Signal zum Ausstieg als vielmehr ein Anlass, über Diversifikation, potenzielle neue Marktführer und die passende Anlagestrategie für die nächste Marktphase nachzudenken. Manche werden weiterhin auf etablierte KI-Unternehmen setzen. Andere bevorzugen eine breitere regionale Aufstellung, etwa durch die Ergänzung US-lastiger Investments um europäische Industrie-, Infrastruktur- und Automatisierungswerte. Wieder andere suchen nach Möglichkeiten, auch in seitwärts tendierenden Märkten Ertragschancen zu nutzen oder einen gewissen Risikopuffer einzubauen.
Wenn Sie sich also das nächste Mal fragen, ob „für heute wirklich Schluss“ ist, dann halten Sie es vielleicht mit Börsen-Guru Paulchen Panther: „Heute ist nicht alle Tage, ich komm wieder, keine Frage!“ Für Anleger:innen heißt das nicht, Risiken auszublenden oder blind optimistisch zu sein. Es bedeutet vielmehr, offen für neue Entwicklungen zu bleiben, die eigene Positionierung regelmäßig zu hinterfragen und Chancen auch dort zu suchen, wo sie gestern noch niemand vermutet hätte.
Hinweis: Die im Text angeführten Unternehmen sind beispielhaft ausgewählt worden und stellen keine Anlageempfehlung dar. Investitionen bergen neben Chancen auch Risiken.
1Quelle: IG Wealth Management; Stand: April 2025
2Quelle: Finanzielle.de; Stand: 7. April 2025
3Quelle: Tagesschau; Stand: 2. Juli 2026
4Quelle: Tagesschau; Stand: 30. April 2026
5Quelle: J.P. Morgan; Stand: 20. Mai 2026
6Quelle: investmentnews; Stand: 16. Juli 2026
7Quelle: Frankfurter Rundschau; Stand: 11. Juni 2026
8Quelle: Aktienprognose; Stand: 21. Juli 2026
9Quelle: Mindsquare; Stand: 1. September 2025
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Stand: Juli 2026