KI-Boom, Allzeithochs und geopolitische Risiken

Bilanz und Ausblick der Berichtssaison

InvestStory 26. Mai 2026, Kurt Prattes

„Das sind verrückte Zeiten.“ Diese und ähnliche Kommentare waren in den vergangenen Wochen vermehrt von Marktbeobachter:innen zu hören und zu lesen, wenn es um die jüngste Berichtssaison ging, die inzwischen auf die Zielgerade einbiegt.1 Angesichts der geopolitischen Herausforderungen und steigender Inflationsrisiken waren viele überrascht, dass die fundamentale Entwicklung nicht nur intakt blieb, sondern sich sogar weiter beschleunigte. Aber der Reihe nach.

US-Berichtssaison mit starken Überraschungen

Alle drei Monate gibt es am Aktienmarkt eine Berichtssaison. Die Show beginnt etwa zwei Wochen nach Ende eines Quartals, zuletzt Mitte April, und dauert etwa sechs Wochen. Inzwischen sind die Zahlen zum 1. Quartal 2026 größtenteils bekannt. Die Bilanz kann sich sehen lassen: Rund 80 Prozent der Unternehmen im S&P 500 übertrafen die Umsatz- und 84 Prozent die Gewinnerwartungen. Und das nicht zu knapp: Insgesamt lagen die Gewinne rund 17 Prozent höher als erwartet. Im Vergleich zum Vorjahresquartal stiegen die gewichteten Gewinne sogar um mehr als 28 Prozent. Unter der Annahme, dass sich durch die letzten noch fehlenden Zahlen nichts mehr ändert, ist es das höchste Gewinnwachstum seit dem 4. Quartal 2021. Zudem ist es das sechste Quartal in Folge mit zweistelligem Gewinnwachstum.2 Das stützt die zuletzt starke Entwicklung des US-Aktienmarkts.3

Umsatz- und Gewinnboom durch KI

Das größte Gewinnplus im Vergleich zum Vorjahresquartal von 51 Prozent verzeichnete der IT-Sektor. Besonders dynamisch entwickelten sich der Bereich Halbleiter und Halbleiterausrüstung, dessen Gewinne sich verdoppelten. Ein extremes Beispiel ist der Speicherhersteller Micron Technology mit einem Zuwachs von unglaublichen 682 Prozent beim Gewinn je Aktie. Dagegen wirken die Gewinnsteigerungen etablierter Big-Tech-Werte wie Alphabet (91 Prozent), Amazon (75 Prozent) und Meta (57 Prozent) fast langweilig, wenngleich die Gewinne in absoluten Zahlen natürlich viel höher waren.2 Branchenprimus Nvidia konnte seinen Gewinn pro Aktie auf Jahressicht mehr als verdreifachen und festigte damit seine Führungsrolle in der KI-Revolution.4

Doch es gibt auch Schattenseiten. Höher als erwartet ausgefallene KI-Investitionen wurden gemischt aufgenommen.3 Insgesamt planen die Big-Tech-Firmen, in diesem Jahr 800 Milliarden US-Dollar in energieintensive Rechenzentren und KI-Infrastruktur zu investieren. Ein Großteil davon ist inzwischen fremdfinanziert. Dadurch steigt die Empfindlichkeit gegenüber steigenden Energiepreisen und höheren Finanzierungskosten.5 Zudem ist der freie Cashflow der Hyperscaler durch die riesigen Investitionen um mehr als 70 Prozent eingebrochen. Bei Amazon und Oracle ist er sogar negativ.6

Hinweis: Die Entwicklungen der Vergangenheit lassen keine verlässlichen Rückschlüsse auf die zukünftigen Entwicklungen zu.

Gewinnwachstum und bilanzielle Effekte

Einige eher skeptische Stimmen – insbesondere aus dem Value-Investing-Umfeld – sehen die aktuell hohen Gewinnzuwächse teilweise durch bilanzielle Effekte verstärkt. Das Argument: Bei Nvidia & Co. schlagen die Investitionen der Kunden unmittelbar als Umsatz mit hohen Margen zu Buche. Auf der Gegenseite werden diese Investitionsausgaben nicht sofort als Aufwand erfasst, sondern über mehrere Jahre abgeschrieben. Dadurch entsteht ein zeitliches Auseinanderfallen von Umsatz und Kostenwirkung. Während die Hyperscaler in diesem Jahr rund 100 Milliarden US-Dollar abschreiben, fallen die entsprechenden Umsätze bei Anbietern wie Nvidia deutlich höher aus. In Summe können so rechnerisch aktuell noch Gewinne auf beiden Seiten entstehen – primär bedingt durch die Logik der Rechnungslegung. Sollten sich die erhofften Erträge aus den KI-Investitionen jedoch nicht einstellen, könnten die fortlaufenden Abschreibungen künftig ohne entsprechende Gewinnbeiträge anfallen und die Ergebnisse belasten – selbst ohne weitere Investitionen. Damit wird die Frage, wie schnell und nachhaltig sich KI monetarisieren lässt, zu einem entscheidenden Faktor für die zukünftige Gewinnentwicklung der Hyperscaler. Hinzu kommen zirkuläre Effekte innerhalb des KI-Ökosystems. So hat Nvidia etwa 30 Milliarden in OpenAI investiert, das wiederum Chips bei Nvidia nachfragt. Dadurch entstehen zusätzliche Umsätze und Gewinne, während sich die wirtschaftlichen Effekte dieser Investitionen im System oft erst zeitverzögert zeigen. Ein anderes Beispiel ist Amazon. Dort wertete die Beteiligung am Claude-Betreiber Anthropic auf, was mehr als die Hälfte des Gewinns im 1. Quartal ausmachte. Gleichzeitig ist Anthropic ein wichtiger Kunde für die Datencenter von Amazon. Solche wechselseitigen Beziehungen können die ausgewiesene Gewinndynamik kurzfristig verstärken. Lässt die Dynamik nach, könnte sich dieser Effekt entsprechend umkehren.6

Gleichzeitig ist die Dynamik des KI-Booms bislang ungebrochen. Das Investitionswachstum der S&P-500-Firmen im Vergleich zum Vorjahr war so hoch wie seit 2001 nicht mehr.3 Dazu passt auch die historische Parallele, dass der Philadelphia Semiconductor Index im April um 38 Prozent zulegte und damit den stärksten Monat seit Februar 2000 verzeichnete. Vergleiche mit der Dotcom-Ära werden zunehmend gezogen, wobei auch auf Unterschiede in den heute deutlich solideren Fundamentaldaten hingewiesen wird. Wie groß der KI-Boom inzwischen ist, zeigt Anthropic: Der heiße Börsenkandidat plante ein 10-faches Jahreswachstum. Tatsächlich sah man sich im 1. Quartal aber mit einem 80-fachen annualisierten Wachstum konfrontiert, was die verfügbaren Rechenkapazitäten zeitweise sprengte.7

Andere Sektoren überraschen ebenfalls

Auf Sektorebene konnten unglaubliche 96 Prozent der IT-Unternehmen die Gewinnerwartungen übertreffen. Dahinter folgten die Sektoren Gesundheit (89 Prozent) und Basiskonsumgüter (88 Prozent). Selbst die schwächeren Sektoren lagen mehrheitlich über den Prognosen: Bei Kommunikationsdienstleistern und Rohstofffirmen waren es noch 73 Prozent. Betrachtet man dagegen die Gesamtdifferenz zwischen erzielten und zuvor geschätzten Gewinnen, liegt die Kommunikationsbranche dank Einmaleffekten bei Alphabet, Netflix und Meta ganz vorn. Auch zyklische Konsumwerte wie Ford Motor, Amazon und Expedia überraschten positiv.2 Interessant sind auch die Zahlen von Caterpillar, dem weltgrößten Baumaschinenhersteller. Dort legte der Auftragsbestand, angetrieben von der Errichtung von Rechenzentren, im Vergleich zum Vorjahr um 79 Prozent auf einen Rekordwert von 63 Milliarden US-Dollar zu.8 Das zeigt, dass sich der Investitionszyklus rund um KI zunehmend auch in die Realwirtschaft verlagert.
Im Jahresvergleich konnten mit Ausnahme des Gesundheitssektors alle Sektoren Gewinnzuwächse verzeichnen. Beim Umsatz hingegen legten alle Sektoren zu. Hinter IT und Kommunikation folgten überraschend Versorger, die vom stark steigenden Strombedarf der KI-Infrastruktur profitierten. Bemerkenswert ist auch die mittlere Nettogewinnmarge des S&P 500. Sie erreichte mit 14,7 Prozent den höchsten Wert seit Beginn der Erfassung von FactSet im Jahr 2009.2 Das unterstreicht die aktuell außergewöhnliche Profitabilität – erhöht aber zugleich das Risiko, dass sich die Gewinnmargen in Zukunft wieder einengen und die Märkte nach unten ziehen könnten.

Prozentual zweistelliges Gewinnplus auch in Europa

In Europa neigt sich die Berichtssaison bei den Unternehmen im STOXX Europe 600 ebenfalls dem Ende zu. Dabei schlug sich der alte Kontinent trotz stagnierender Konjunktur besser als erwartet – auch weil die Erwartungen sehr niedrig lagen. Konkret deutet sich ein Wachstum von über 10 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal an, der höchste Gewinnsprung seit 3 Jahren. Treiber sind vor allem Energiefirmen, die dank höherer Öl- und Gaspreise auf ein Gewinnplus von rund 50 Prozent zusteuern.9 Zum Jahresbeginn hatte man noch erwartet, dass die Gewinne im Energiesektor zurückgehen.10 Auch Finanz- und Rohstoffwerte überraschten positiv, während Rüstungsfirmen wie Rheinmetall historische Rekordaufträge verzeichneten.11 Zwar verweisen einige Unternehmen auf geopolitische Risiken, die über steigende Energiepreise und eine schwächere Nachfrage belasten könnten. Insgesamt haben die europäischen Firmen ihre Prognosen aber mehrheitlich angehoben statt gesenkt.9 Allerdings importiert die EU rund 60 Prozent ihrer Energie. Bei anhaltenden hohen Preisen dürften die Belastungen hier also zunehmen. Zudem ist der Technologiesektor, der in den USA gerade den Gewinnboom befeuert, in Europa kleiner.12 Schwächer entwickelten sich auf dem alten Kontinent vor allem zyklische Konsumgüter. So haben im 1. Quartal etwa Luxusunternehmen wie LVMH und Hermès International, Hotels wie Accor und Autohersteller weitgehend enttäuscht. Der Gewinn pro Aktie im entsprechenden Subindex ging um mehr als 12 Prozent zurück. Insgesamt waren die Zurückhaltung der Konsumenten, die anhaltenden Zollbedrohungen und der zunehmende Wettbewerb in China die größten Belastungen.13

Neben Chancen auch Risiken

Dagegen erwies sich die US-Wirtschaft trotz aller Herausforderungen bis zuletzt als sehr widerstandsfähig.14 Das lag vor allem am Investitionsboom in KI, der inzwischen für rund die Hälfte des Wachstums verantwortlich ist, während Investitionen außerhalb dieses Bereichs rückläufig sind.6 Die gestiegenen Energiekosten spielten bislang bei vielen Firmen nur eine untergeordnete Rolle.3 Der US-Arbeitsmarkt präsentierte sich bisher stabil – stark genug für Wachstum, aber zahm genug, um die Notenbank nicht aus dem Konzept zu bringen.7 Trotzdem darf man nicht vergessen, dass die Abstimmung bei der letzten Sitzung so gespalten war wie seit Oktober 1992 nicht mehr.8
Gleichzeitig nimmt der Inflationsdruck wieder zu, denn zuletzt stiegen die US-Erzeugerpreise im Jahresvergleich um 6 Prozent und die Renditen der zehnjährigen US-Staatsanleihen kletterten auf über 4,6 Prozent, das höchste Niveau seit Jänner 2025.14,15 Das könnte die Fed zwingen, die Zinsen zu erhöhen. Darunter würden vor allem Firmen mit hohen Schulden leiden, während Tech-Konzerne bereits auf Effizienzsteigerungen setzen und mit Stellenabbau reagieren.14 Hinzu kommen geopolitische Risiken und protektionistische Tendenzen zwischen den USA, China und der EU. Doch auch positive Überraschungen sind denkbar. Sollte die Straße von Hormus wieder voll öffnen, könnte der Ölpreis schneller fallen als viele erwarten.7

Hinweis: Prognosen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Entwicklungen

Ausblick auf das 2. Quartal

Für das 2. Quartal prognostiziert das US-Finanzdaten- und Softwareunternehmen FactSet ein weiterhin hohes Gewinnwachstum des S&P 500 von rund 21 Prozent, gefolgt von etwa 24 Prozent und 22 Prozent in den darauffolgenden Quartalen. Angesichts dessen könnten die Bewertungen am Aktienmarkt fundamental unterstützt sein und gegen eine Übertreibung sprechen. Werden die hohen Erwartungen dagegen enttäuscht, könnte der Markt auf dem falschen Fuß erwischt werden. Immerhin ist das auf 12-Monats-Sicht erwartete Kurs/Gewinn-Verhältnis des S&P 500 mit 21,1 deutlich höher als der 5-Jahres-Durchschnitt (19,9) und der 10-Jahres-Durchschnitt (18,9).2 Die Messlatte liegt also ziemlich hoch. Zudem hatte der Markt zuletzt schon empfindlich auf verfehlte Erwartungen einzelner Unternehmenszahlen reagiert.16

Erneut hervorstechen dürften die Magnificent 7. Für sie wird 2026 ein Gewinnwachstum von knapp 35 Prozent erwartet, während für die übrigen 493 S&P-Konzerne fast 18 Prozent prognostiziert werden.1 Es bleibt abzuwarten, ob diese Erwartungen weiterhin erfüllt bzw. erneut übertroffen werden können. Analyst:innen sind laut FactSet-Konsens zu S&P 500 Aktien überwiegend optimistisch, ob diese Erwartungen zukünftig tragfähig sind, wird sich in der nächsten Berichtssaison zeigen, die traditionell Mitte Juli mit den Zahlen der großen Finanzinstitute beginnt.

Hinweis: Die im Text angeführten Unternehmen sind beispielhaft ausgewählt worden und stellen keine Anlageempfehlung dar. Prognosen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Entwicklungen. Investitionen bergen neben Chancen auch Risiken. 

1Quelle: Investopedia; Stand: 11. Mai 2026
2Quelle: FactSet; Stand: 21. Mai 2026
3Quelle: Deutsche Bank - Perspektiven am Morgen; Stand: 6. Mai 2026 
4Quelle: Nvidia Investor Relations; Stand: 20. Mai 2026 
5Quelle: Financial Times; Stand: 16. April 2026 
6Quelle: Quantex Werte; Stand: Mai 2026
7Quelle: Koch Weekly; Stand: 9. Mai 2026
8Quelle: Koch Weekly; Stand: 2. Mai 2026

9Quelle: Deutsche Bank - Perspektiven am Morgen; Stand: 11. Mai 2026
10Quelle: Reuters; Stand: 13. Mai 2026
11Quelle: Rheinmetall; Stand: 7. Mai 2026
12Quelle: Coutts; Stand: 18. Mai 2026
13Quelle: Bloomberg; Stand: 7. Mai 2026
14Quelle: Koch Weekly; Stand: 16. Mai 2026
15Quelle: Federal Reserve Bank of St. Louis; Stand: 18. Mai 2026
16Quelle: FactSet; Stand: 11. Mai 2026

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Stand: Mai 2026

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