
Big Tech - Zwischen KI-Boom und Bewertungsrisiko
Thema im Fokus
Allen Bedenken zum Trotz – „Big Tech“ bleibt die dominierende Kraft an den globalen Aktienmärkten. Laut Goldman Sachs stand der Sektor im bisherigen Jahresverlauf für 85 Prozent der Kursgewinne im S&P 500. Nvidia allein steuerte zeitweise rund 20 Prozent bei.1
Als Kurstreiber gilt die Fantasie rund um das Thema Künstliche Intelligenz (KI). Alle großen Tech-Konzerne setzen darauf. Die Rolle der Unternehmen hat sich dadurch grundlegend verändert. Ob Microsoft, Amazon, Google oder Nvidia – sie alle sind heute weit mehr als reine Technologiefirmen. Vielmehr fungieren sie als „Infrastruktur‑Player“, auf deren Systemen ein immer größerer Teil der globalen Wirtschaft aufbaut.2
Einmalige Chance?
Die Transformation allerdings ist auch äußerst kapitalintensiv. Berechnungen zufolge haben die großen Tech-Konzerne ihr Investitionen in der zurückliegenden Dekade mehr als verzehnfacht. Allein 2025 haben die Firmen über 400 Milliarden Dollar investiert3, im aktuellen Jahr sollen es bis zu 725 Milliarden Dollar werden. Das entspricht etwa zwei Prozent der gesamten US-Wirtschaftsleistung. Das Geld soll vor allem in den Ausbau von Infrastruktur wie Rechenzentren fließen.4
Die Konzernchefs rechtfertigen die rasant gestiegenen Investitionen mit den gewaltigen Chancen, die sie für die Transformation ihres Geschäfts durch KI sehen. Entsprechend groß ist die Sorge, zu wenig zu investieren und damit das Feld anderen zu überlassen. Amazon-Chef Andy Jassy sprach sogar von „einer Gelegenheit, wie es sie nur einmal im Leben gibt“. Durch KI werde „jede Anwendung, die wir kennen, neu erfunden“ - und es werde neue geben, die man sich noch gar nicht vorstellen könne.5 Bereits im Februar hatte der Manager daher Rekordinvestitionen von 200 Milliarden Dollar in diesem Jahr angekündigt.6
Gretchenfrage Monetarisierung
An der Börse führt der strategische Schwenk zu unterschiedlichen Bewertungen. Über Jahre hinweg konnten die Tech-Riesen selbst bei moderaten Investitionen hohe Cashflows erzielen. Durch die aktuelle Investitionswelle verschiebt sich dieses Profil. Die hohen Vorabkosten für Hardware und Energieinfrastruktur belasten die Profitabilität. Zusätzlich wird Kapital gebunden, dessen ROI (Return on Investment) sich erst noch beweisen muss.7
Auch Marktbeobachter wie Chris Hart, Portfoliomanager von Robeco BP Global Premium Equities, betonen: „Die Rendite dieser erheblichen Investitionen bleibt abzuwarten, ebenso wie die Geduld der Anleger:innen, die auf diese Rendite warten müssen. Jede Ertrags- oder Wachstumsschwäche kann sich in einer raschen Neubewertung des Segments niederschlagen, wie im April 2025 zu beobachten war.“8 Damals gerieten viele Tech-Aktien massiv unter Druck, nachdem US-Präsident Donald Trump die Welt mit seinen Zoll-Ankündigungen in Schrecken versetzt hatte.9
Plötzlich Konkurrenten
Was Analyst:innen außerdem zu bedenken geben: Früher agierten die großen Tech-Konzerne in einem nahezu idealen Wettbewerbsumfeld. Jeder hatte einen Kernbereich aufgebaut, in dem er international führend war – Amazon etwa im Online-Handel, Google bei der Internetsuche. Die Rivalität untereinander war dadurch begrenzt, während die adressierbaren Märkte enorm groß waren.10
Mit dem Aufkommen von KI hat sich dieses Bild gewandelt. Viele der Big Techs konkurrieren nun direkt miteinander über sich überschneidende KI-Plattformen hinweg. Besonders intensiv ist der Wettbewerb im Cloud-Bereich, wo Amazon mit Amazon Web Services (AWS), Microsoft mit Azure und Alphabet mit der Google Cloud Plattform um Kund:innen und Umsätze kämpfen.11 Zudem stehen die „alteingesessenen“ Tech-Konzerne nun „urplötzlich“ im Wettbewerb mit ernstzunehmenden „Newcomern“ wie OpenAI, Anthropic oder dem Raumfahrt-Unternehmen SpaceX mit seinem KI-Entwickler xAI,10 die alle voraussichtlich in diesem Jahr an die Börse gehen werden und dabei ein Vielfaches dessen einsammeln dürften, was der bisher weltgrößte Börsengang von Saudi Aramco im Jahr 2019 erlöst hatte.12
Hinweis: Prognosen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Entwicklungen
Alphabet wächst dank KI
Noch allerdings schaffen es die Big Techs, die Bedenken am Markt einigermaßen zu zerstreuen. Vor allem Alphabet machte zuletzt mit starken Zahlen auf sich aufmerksam. Der Umsatz von Google Cloud wuchs in dem im März zu Ende gegangenen ersten Quartal dank des KI-Booms und der allgemeinen Verlagerung von Unternehmensprozessen in die Datenwolke um nie dagewesene 63 Prozent auf 20 Milliarden Dollar. Gleichzeitig konnte der Auftragsbestand der Cloud-Einheit im Vergleich zum Vorquartal auf über 460 Milliarden Dollar fast verdoppelt werden.
In seiner Ergebnismitteilung gab der Suchmaschinen-Riese an, dass das Wachstum durch erhöhte Ausgaben für KI-Produkte und -Infrastrukturen in Unternehmen getrieben wurde. Gleichzeitig sorgte der Gemini-Chatbot für das „stärkste Quartal aller Zeiten“ im Bereich der Consumer-KI, so CEO Sundar Pichai. „Das Jahr 2026 ist hervorragend angelaufen. Unsere KI-Investitionen und unser Full-Stack-Ansatz beleben jeden Teil des Unternehmens“, sagte Pichai und bezog sich dabei auf jede Ebene der KI-Technologiekette, einschließlich Chips, Rechenzentren, KI-Modellen und Entwickler-Tools.13
Auch Amazon überzeugt
Auch der Online-Riese Amazon konnte mit seinen Zahlen die Befürchtungen dämpfen, dass sich die hohen Investitionen nicht auszahlen. Die Cloud-Sparte AWS steigerte ihren Umsatz in den ersten drei Monaten des laufenden Geschäftsjahres um 25 Prozent auf 37,6 Milliarden Dollar. Der stärkste Zuwachs seit 15 Quartalen. Allein OpenAI und Anthropic haben in den vergangenen Monaten Rechenkapazitäten in dreistelliger Milliardenhöhe gebucht.14
Und vertraut man auf die Aussagen von AWS-Chef Matt Garman, ist das erst der Anfang: „Es gibt mehr Nachfrage als Angebot“, sagte der Manager gegenüber dem Handelsblatt. „Und ich glaube, dass das Angebot weiter beschränkt bleiben wird“, wahrscheinlich sogar „für die kommenden Jahre“. Hintergrund ist der Mangel an Strom, Transistoren, Speicherchips und weiteren Komponenten, die zum Bau und Betrieb von KI-Rechenzentren nötig sind. „Es ist nicht so, dass nicht genug bestellt worden wäre“, sagt Garman. „Es gibt einfach nur so viel, wie die Welt im Moment liefern kann.“15
Für Anleger:innen ebenfalls nicht uninteressant: CEO Jassy sagte, dass der selbst entwickelte KI-Prozessor Trainium im ersten Quartal über seinen Cloud-Dienst „Umsatzzusagen“ in Höhe von 225 Milliarden Dollar von Unternehmen wie OpenAI, Anthropic und Uber erhalten habe, wobei er jedoch keine Angaben zur Vertragsdauer machte. Amazon sei damit „eines der drei führenden Unternehmen für Rechenzentrums-Chips weltweit“, so Jassy – und fügte hinzu: „Wir sind wirklich außergewöhnlich gut für den Wandel positioniert, den wir derzeit beobachten.“16
Microsoft zieht positive Bilanz
Auch Microsoft scheint vorerst überzeugend darzulegen, dass sich seine KI-Ausgaben in tatsächliche Nachfrage übersetzen. Die Einnahmen aus Microsoft Cloud stiegen um 29 Prozent auf 54,5 Milliarden US-Dollar. Vor allem die Plattform Azure trug mit einem Wachstum von 40 Prozent maßgeblich dazu bei. Insgesamt erreichte das KI-Geschäft eine jährliche Umsatzrate von über 37 Milliarden Dollar und wuchs damit mehr als doppelt so schnell wie im Vorjahr.
Der KI-Assistent/-Chatbot Microsoft Copilot kommt offenbar ebenfalls immer besser an. Inzwischen zählt das Unternehmen mehr als 20 Millionen zahlende Nutzer, im Jänner waren es noch 15 Millionen. Copilot habe das gleiche wöchentliche Nutzungsniveau wie Outlook erreicht, ein Zeichen dafür, dass KI-Nutzung alltäglich werde, hieß es vom Konzern. Auch auf die grundsätzliche Sorge, KI könnte klassische Softwaregeschäfte kannibalisieren, wenn Unternehmen weniger Mitarbeiter und entsprechend weniger Softwarelizenzen benötigen, hat CEO Satya Nadella bereits eine Antwort: Anlässlich der Quartalszahlen sagte er, dass „jedes nutzerbezogene Geschäft, ob Produktivität, Programmierung oder Sicherheit, zu einem Geschäft aus Nutzerlizenz und Verbrauch wird.“17
Story intakt, aber…
Ein Investment in die Cloud-Größen/Hyperscaler hat daher trotz des steigenden Wettbewerbsdrucks weiterhin einen gewissen Charme. Im Hinterkopf sollten Anleger:innen wie anfangs erwähnt jedoch behalten, dass die Unternehmen von 100 Dollar Umsatz inzwischen rund 20 Dollar in Investitionen stecken. Damit geben sie so viel aus wie Ölkonzerne oder Energieversorger, zwei der investitionsintensivsten Branchen überhaupt.3 Und ob die Ausgaben wieder reingeholt werden können oder der Wettlauf mit dem Platzen einer gewaltigen Blase endet, ist nach wie vor offen.18 Zunächst jedenfalls gehen die Investitionen zu Lasten von Marge und freiem Cashflow. Letzterer ist bei Cloud-Anbietern durch die riesigen Investitionen im ersten Quartal um mehr als 70 Prozent eingebrochen. Bei Amazon war er sogar negativ.19 Erschwerend hinzu kommt, dass ein Großteil der Investitionen inzwischen fremdfinanziert ist. Dadurch erhöht sich die Empfindlichkeit gegenüber steigenden Energiepreisen und höheren Finanzierungskosten.20 Nicht zu vergessen gilt, dass sich die großen Tech-Konzerne wegen ihrer Marktmacht sowohl in den USA als auch in Europa immer wieder intensiven kartellrechtlichen Untersuchungen ausgesetzt sehen.
Wer deshalb lieber etwas vorsichtiger anlegen möchte, könnte einen Blick auf die neue Protect Pro Anleihe von Crèdit Agricole auf die Aktien von Amazon, Microsoft und Alphabet werfen. Das Wertpapier bietet einen fixen Kupon von 11,50 Prozent p.a. sowie einen 35-prozentigen Puffer bis zur Barriere, wobei diese ausschließlich am Laufzeitende betrachtet wird. Notieren am Bewertungstag alle drei Aktien auf oder über der Barriere, wird die Anleihe zum Nennbetrag zurückgezahlt. Liegt jedoch nur eine Aktie darunter, erfolgt die Tilgung der Anleihe durch die Lieferung der Aktie mit der schlechtesten Kursentwicklung ausgehend vom Ausübungspreis (Worst-of-Prinzip). In diesem Fall bekommt man Aktien, die am Markt weniger wert sind, als man ursprünglich investiert hat. Dadurch besteht die Möglichkeit eines Kapitalverlusts. Anleger:innen tragen außerdem das Bonitätsrisiko der Emittentin und der Garantin, d.h. das Risiko von Änderungen in der Kreditwürdigkeit oder einer Zahlungsunfähigkeit.
Hinweis: Die Wertentwicklungen der Vergangenheit lassen keine verlässlichen Rückschlüsse auf die zukünftigen Entwicklungen zu. In der Wertentwicklung sind keinerlei Provisionen, Gebühren und andere Entgelte mit ertragsmindernder Auswirkung auf den Kursverlauf berücksichtigt.
1 Quelle: Börse Online; Stand: 19. Mai 2026
2 Quelle: cloud ahead; Stand: 20. November 2025
3 Quelle: Die Zeit; Stand: 28. Jänner 2026
4 Quelle: Frankfurter Rundschau; Stand: 4. Mai 2026
5 Quelle: Tagesschau; Stand: 30. April 2026
6 Quelle: finanztrends; Stand: 16. Februar 2026
7 Quelle: Börse Online; Stand: 5. Mai 2026
8 Quelle: e-fundresearch; Stand: 5. Mai 2026
9 Quelle: Tagesschau; Stand: 4. April 2025
10 Quelle: T.RowePrice; Stand: März 202626
11 Quelle: Statista; Stand: 21. Mai 2026
12 Quelle: Handelsblatt; Stand: 21. Mai 2026
13 Quelle: MarketScreener: Stand: 29. April 2026
14 Quelle: Finanz und Wirtschaft: Stand: 30. April 2026
15 Quelle: Handelsblatt; Stand: 12. Mai 2026
16 Quelle: Business Insider; Stand: 30. April 2026
17 Quelle: The decoder; Stand: 30. April 2026
18 Quelle: Börsennews; Stand: 30. April 2026
19 Quelle: Quantex Werte; Stand: Mai 2026
20 Quelle: Financial Times; Stand: 16. April 2026
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Stand: Juni 2026